5.2 Variation in der Aussprache¶
Welche Aussprache(n) im Unterricht?¶
Wer Spanisch unterrichtet, begegnet früher oder später einer sehr konkreten Frage: Welche Aussprache lehre ich eigentlich – und muss ich mich für eine bestimmte entscheiden?
Das Spanische ist in über zwanzig Ländern Amtssprache und weist eine enorme lautliche Vielfalt auf. Schon beim ersten Hören fällt auf: Das <z> (und <c> vor <e> und <i>) wird in Madrid anders ausgesprochen als in Mexiko, und auch das <s> klingt in Buenos Aires anders als in Bogotá – wenn man es überhaupt hört. Ausspracheunterschiede sind für Lernende meist das hörbarste Zeichen sprachlicher Variation, noch bevor Unterschiede im Wortschatz oder in der Grammatik auffallen.
Doch welche Aussprache ist die ‚geeignetste‘ für den Unterricht? Eine allgemeingültige Antwort darauf gibt es nicht. Im Sinne der sprachlichen Plurizentrik – die im Kapitel Variation & Plurizentrik ausführlicher erläutert wird – haben sich in verschiedenen Regionen eigene Normen der Aussprache herausgebildet, die Ausdruck der sozialen und kulturellen Vielfalt der spanischsprachigen Welt sind und gleichberechtigt nebeneinander stehen. Allein für die Aussprache ergeben sich daraus viele praktische Fragen: Welche Aussprache bringe ich selbst mit – und welche möchte ich unterrichten? Was tue ich, wenn Lernende eine andere Variante bevorzugen oder aus dem Elternhaus mitbringen? Und wie gehe ich mit der Frage um, warum ein <s> nicht immer so ausgesprochen wird, wie es geschrieben steht?
Da es nicht möglich ist, die Aussprache mehrerer Länder gleichzeitig zu unterrichten, ist ein kluger Umgang mit solchen Fragen umso entscheidender. Die zeitlichen Begrenzungen des Schulunterrichts machen Vereinfachungen nötig. Im Folgenden werden daher die wichtigsten Variationsphänomene vorgestellt; Verweise auf vertiefte Lektüren finden sich weiter unten.
Die wichtigsten Variationsphänomene¶
Dieser Abschnitt gibt einen Überblick über die wichtigsten regionalen und nationalen Aussprachevarianten, die Lehrkräfte kennen sollten. Ein linguistischer Zugang zur Aussprachevariation ermöglicht es, kompetent mit den entsprechenden Fragen umzugehen und Lernende souverän einzuordnen – denn aus der linguistischen Perspektive ergibt sich ganz selbstverständlich eine offene Haltung gegenüber Variation. Da die Vokale in der spanischsprachigen Welt vergleichsweise wenig Variation aufweisen, stehen dabei die Konsonanten im Vordergrund.
Distincción vs. Seseo – oder: „Ist der ‚Lispellaut‘ Pflicht?“¶
Wer Spanisch in der Schule gelernt hat, spricht caza und casa vermutlich unterschiedlich aus. In den meisten deutschen Schulbüchern wird die Unterscheidung zwischen /s/ und /θ/ als Normalfall unterrichtet und Lernenden die Aussprache des Interdentallautes beigebracht. Wann welcher Laut auszusprechen ist, lässt sich orthografisch erschließen: /s/ wird im Spanischen immer durch <s> wiedergegeben, /θ/ hingegen entweder durch <z> (vor allem vor <a>, <o> und <u>, wie in zapato, zorro oder azul) oder durch <c> in den Sequenzen <ce> und <ci> (wie in cena oder cine) (vgl. Kapitel Orthographie).
Was dabei oft nicht deutlich genug wird: Die distinción (vgl. Kapitel Aussprache) ist eigentlich nur eine regionale Besonderheit – typisch für weite Teile Spaniens, aber nicht für die große Mehrheit der spanischsprachigen Gemeinschaften. In fast ganz Hispanoamerika – und auch auf den Kanarischen Inseln sowie in Teilen Andalusiens – kennt das phonologische System nur den Laut /s/, was man als seseo bezeichnet (vgl. DPD, s.v. seseo). Da der Interdentallaut dort nicht vorkommt, kann die Aussprache von caza als [ˈka.sa] oder von cena als [ˈse.na] weder als ‚falsch‘ noch als ‚dialektal‘ bezeichnet werden. Der seseo ist für den Großteil der spanischsprachigen Welt schlicht die ‚richtige‘ Aussprache – und das sollte im Unterricht sichtbar sein.
Als Lehrkraft trifft man zwangsläufig eine Entscheidung – aber sie sollte bewusst getroffen und kommuniziert werden. Entscheide ich mich für die distinción, sollte ich transparent machen, dass es sich dabei um die Standardaussprache Spaniens handelt, nicht um die einzig ‚richtige‘ Option. Entscheide ich mich für den seseo, sollte ich erläutern, dass es in der Aussprache Spaniens einen weiteren Laut gibt und mit welchen Graphemen er verknüpft ist. In jedem Fall gilt: Wenn Lernende – insbesondere fortgeschrittene – für diese Unterschiede sensibilisiert werden, sollte klar sein, dass der seseo genauso korrekt ist wie die Unterscheidung von /s/ und /θ/. Wer außerhalb Spaniens zapato als [θa.ˈpa.to] ausspricht, fällt übrigens auf – Spanier:innen werden nicht zuletzt durch den Interdentallaut sofort erkannt.
Seseo vs. distinción: Hörbeispiele
Die folgenden Ausschnitte aus Radiosendungen veranschaulichen einerseits den seseo in Hispanoamerika und andererseits die Verwendung des Interdentallautes /θ/ in Spanien. Es handelt sich um Radiomoderator:innen, deren Aussprache der ‚guten Aussprache‘ des jeweiligen Landes bzw. der Region entspricht:
Mexiko:
Costa Rica:
Chile:
Argentinien:
Spanien, Bsp. 1:
Spanien, Bsp. 2:
Audios aus CO.RA.PAN
Für die eine wie für die andere Entscheidung lassen sich gute Gründe anführen. Für den seseo spricht, dass er in der Mehrheit der spanischsprachigen Welt die Norm ist. Wird er unterrichtet, entfällt die Vermittlung des Interdentallauts [θ], der im Deutschen nicht existiert und den viele Lernende zunächst fremd oder schwer aussprechbar finden – das sogenannte ‚Lispeln‘ gilt im Deutschen als Aussprachefehler, und nicht wenige Lernende empfinden den Laut daher als ‚uncool‘. Für die distinción spricht wiederum, dass sie in vielen Lehrwerken als Standard vorausgesetzt wird – ebenso in Prüfungsformaten und schulischen Kanontexten – und dass die Unterscheidung auch in der Orthographie sichtbar ist. Hinzu kommt ein sprachsensibilisierendes Argument: Der Interdentallaut [θ] steckt auch im englischen <th> (z. B. think, author, path) und ist den meisten Lernenden aus dem Englischunterricht bereits bekannt – nur eben nicht als ‚uncool‘. Solche sprachenvergleichenden Parallelen können helfen, stereotype Vorstellungen zu hinterfragen (vgl. Kapitel Fehlerlinguistik).
Letztlich gilt: Beide Varianten sind korrekt. Entscheidend ist, dass der Unterricht nicht suggeriert, nur eine sei ‚die richtige‘. Neben der Vermittlung sprachlicher Kompetenz sollte es auch Ziel sein, Lernende zu befähigen, Unterschiede wahrzunehmen, zu verstehen und selbstbestimmt mit ihnen umzugehen – kurz: Sprachbewusstheit zu fördern.
Seseantes im Unterricht
Viele Lehrkräfte und Schüler:innen sprechen bereits Spanisch als Erstsprache und bringen eigene sprachliche Prägungen mit – etwa durch Herkunft oder familiäre, kulturelle oder emotionale Bezüge zu Lateinamerika. In solchen Fällen ist der seseo nicht nur eine legitime, sondern häufig auch die authentische Variante. Er kann für Lernende wie Lehrkräfte ein Identifikationsangebot darstellen und die Motivation stärken. Lehrkräfte sollten ihn daher nie als Fehler behandeln, sondern als Gelegenheit nutzen, sprachliche Variation sichtbar zu machen und Lernenden mit seseo-Hintergrund Wertschätzung für ihre Aussprache zu vermitteln.
Yeísmo¶
Wer pollo und poyo gleich ausspricht, macht es heute wie die Mehrheit aller Spanischsprechenden weltweit. Wie schon im Kapitel Aussprache erläutert, wird die Unterscheidung zwischen <ll> und <y>, also zwischen /ʎ/ und /ʝ/, in den meisten Regionen und von den meisten Sprecher:innen längst nicht mehr gemacht. Beide Laute werden in der Regel als /ʝ/ ausgesprochen (vgl. DPD, s.v. yeísmo). Dieses Phänomen nennt man yeísmo – und es ist heute die Norm, nicht die Ausnahme.
Je nach Region klingt der yeísmo unterschiedlich: In Mexiko oder Kolumbien hört man meist [ʝ], in der Karibik oder in Zentralamerika dagegen oft nur ein sanftes [j]. Im Río de la Plata-Raum, vor allem in Buenos Aires und Montevideo, ist die Aussprache besonders markant: Dort wird [ʒ] (als žeísmo bezeichnet) und mittlerweile noch häufiger das stimmlose [ʃ] (als šeísmo bezeichnet) realisiert, z.B. llamar als [ʒaˈmar] oder [ʃaˈmar].
Yeísmo, žeísmo und šeísmo: Hörbeispiele
Die folgenden Ausschnitte aus Radiosendungen veranschaulichen, dass der yeísmo – die Realisierung des Phonems /ʝ/ als [ʝ] (manchmal auch schwächer als [j]) für <ll> und <y> – heute überall normal ist. Die Argentinien-Beispiele veranschaulichen darüber hinaus žeísmo und šeísmo. Es handelt sich um Radiomoderator:innen, deren Aussprache der ‚guten Aussprache‘ des jeweiligen Landes bzw. der Region entspricht:
Spanien:
Nicaragua:
Chile:
Peru:
Argentinien, Bsp. 1:
Argentinien, Bsp. 2:
Argentinien, Bsp. 3:
Argentinien, Bsp. 4:
Audios aus CO.RA.PAN
Für den Unterricht bedeutet das: Dem yeísmo kann man entspannt begegnen. Wenn Lehrwerke noch die traditionelle Unterscheidung zwischen /ʎ/ und /ʝ/ erwähnen, lohnt es sich, das einzuordnen und kurz zu erklären, dass diese Unterscheidung in der Sprachpraxis kaum noch vorkommt. Unterrichtet wird eine lebendige Sprache – keine reine Schulbuchsprache.
Über sprachliche Identität ins Gespräch kommen
Das Phänomen yeísmo und seine Variation lässt sich gut nutzen, um über regionale Eigenheiten und sprachliche Identität ins Gespräch zu kommen. In der Region um Buenos Aires ist die sh-Aussprache ein Identifikationsmerkmal für die Sprecher:innen, das in der gesamten spanischsprachigen Welt mit Argentinien assoziiert wird – auch wenn es nicht typisch für alle Teile Argentiniens ist.
Für viele Schüler:innen kann es motivierend sein, solche Varianten auszuprobieren. Dabei bietet sich der Hinweis an, dass es auch im Deutschen regionale Ausspracheunterschiede gibt – etwa Milch als [mɪlʃ] oder sogar [mɪk] in verschiedenen süddeutschen Regionen. Entscheidend für den Vergleich ist, dass žeísmo und šeísmo in Buenos Aires zur Aussprachenorm gehören und nicht als ‚falsch‘ oder ‚schlecht‘ bewertet werden.
/s/ am Silbenende: Abschwächung und Schwund¶
In vielen Klassenzimmern klingt das Spanische glasklar: Jedes geschriebene <s> wird deutlich ausgesprochen, auch am Silben- und Wortende. Doch in weiten Teilen der spanischsprachigen Welt ist das nicht der Fall. In der Karibik, in Teilen Mittelamerikas und im südamerikanischen Tiefland, aber auch im Süden Spaniens und auf den Kanaren wird /s/ am Silbenende stark abgeschwächt – häufig zu [h] aspiriert oder ganz getilgt (im Spanischen sagt man dazu manchmal se comen las eses).
Ein Beispiel: los mismos kann ausgesprochen werden als
[los.ˈmis.mos]– Artikulation als[s][loh.ˈmih.moh]– Abschwächung als[h](Aspiration)[lo.ˈmi.mo]– Schwund (Elision)
Die Abschwächung ist kein Zufall. Offene Silben (CV) werden in allen romanischen Sprachen bevorzugt; Konsonanten am Silbenende (CVC) sind daher strukturell anfälliger (vgl. septiembre vs. setiembre). Den Abschwächungsprozess, den das Französische schon vor Jahrhunderten abgeschlossen hat (vgl. dans les maisons → [dɑ̃.le mɛ.zɔ̃]), kann man in Teilen der Hispanophonie heute live beobachten. Typisch ist die Abschwächung in den sogenannten Tieflandvarietäten – Küstenregionen und Inseln: die Karibik (z.B. Kuba, Dominikanische Republik), die Küstengebiete Kolumbiens, Perus und Ekuadors, große Teile Venezuelas, der südliche Teil Andalusiens, die Kanarischen Inseln sowie das Tiefland Argentiniens und Chile.
Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Abschwächung heute in vielen dieser Gebiete nicht nur umgangssprachlich verbreitet ist, sondern auch in formelleren Kontexten so normal ist, dass sie als gute Aussprache gilt.
Abschwächung des /s/: Hörbeispiele
Die folgenden Ausschnitte aus Radiosendungen veranschaulichen das Phänomen. Ein silben- oder wortfinales /s/ wird als [s] realisiert, wenn es vor Pause oder vor Vokal steht; vor Konsonant hört man entweder Aspiration [h] oder nichts. Beachte, dass hier Radiomoderator:innen sprechen, es handelt sich also um eine Aussprache, die der ‚guten Aussprache‘ des jeweiligen Landes (oder der Region) entspricht:
Chile, Bsp. 1:
Chile, Bsp. 2:
Argentinien, Bsp. 1:
Argentinien, Bsp. 2:
Kanaren (Spanien), Bsp. 1:
Kanaren (Spanien), Bsp. 2:
Audios aus CO.RA.PAN
Die Hochlandregionen hingegen – Mexiko-Stadt, Bogotá, Quito, La Paz – zeichnen sich durch eine klare Artikulation des /s/ auch am Silbenende aus, was historisch mit ihrer engeren Bindung an die spanischen Kolonialzentren zusammenhängt. Dort wird die Abschwächung eher mit informellen Redesituationen oder niedrigerem Bildungsniveau assoziiert und ist damit kein neutrales Merkmal, sondern eines mit sozialer Dimension. Dasselbe lautliche Phänomen kann also je nach Region als normgerecht oder als nachlässig oder umgangssprachlich gelten.
Realisierung des /s/ im Hochland: Hörbeispiele
Die folgenden Ausschnitte veranschaulichen, dass das /s/ im hispanoamerikanischen Hochland in jedem Kontext als [s] realisiert wird und eindeutig zur jeweiligen Hauptstadtnorm gehört:
Mexiko, Bsp. 1:
Mexiko, Bsp. 2:
Kolumbien, Bsp. 1:
Kolumbien, Bsp. 2:
Ecuador, Bsp. 1:
Ecuador, Bsp. 2:
Bolivien, Bsp. 1:
Bolivien, Bsp. 2:
Audios aus CO.RA.PAN
Ein Phänomen, verschiedene Bewertungen
Die Variation der /s/-Aussprache bietet eine gute Gelegenheit, um über regionale Vielfalt, Sprachregister und die regional unterschiedliche Bewertung von sprachlicher Phänomene und Varianten zu sprechen. Wer estos estudios [ˈeh.toh.eh.ˈtu.ðjoh] hört, sollte wissen: Das ist keine fehlerhafte Aussprache, sondern eine Aussprachevariante, die beispielsweise in der Karibik, in Chile oder in Buenos Aires ebenso normgerecht ist wie Artikulation [ˈes.tos.es.ˈtu.ðjos] in Mexiko-Stadt, in Bogotá oder auch in Madrid.
Weitere Phänomene¶
Zwei weitere Merkmale seien kurz erwähnt, da sie in authentischem Material gelegentlich auftauchen.
Das erste ist die Velarisierung des /n/: Am Wortende wird /n/ weiter hinten artikuliert, ähnlich dem [ŋ] im englischen sing. So klingt pan manchmal wie [paŋ] statt [pan]; in manchen Regionen schwindet der Konsonant ganz und hinterlässt nur eine nasalierte Vokalqualität ([pã]) – wie im Französischen. Das Phänomen ist typisch für südspanische Varietäten sowie für karibische und küstennahe Regionen Hispanoamerikas.
Das zweite Merkmal betrifft die Angleichung oder Vertauschung von /l/ und /r/ am Silbenende, typisch für karibische Varietäten und Teile Andalusiens. So kann amor als amol [a.ˈmol] oder soldado als sordado [soɾ.ˈda.ðo] artikuliert werden. Ein bekanntes popkulturell belegtes Beispiel ist die Aussprache von Nueva York als [ˈnwe.βa.ˈʝol] in einem Song von Bad Bunny.
Aussprache im Unterricht¶
Der Spanischunterricht in Deutschland orientiert sich traditionell stark am peninsularen Spanisch – dabei ist Spanisch eine plurizentrische Weltsprache, die in über 20 Ländern mit unterschiedlichen Aussprachemustern gesprochen wird. Als Lehrkraft vermittelst Du nicht nur Sprache, sondern auch sprachliche Vorstellungen: insbesondere, was als ‚richtige‘ oder ‚gute‘ Aussprache gilt.
Schon früh sollte thematisiert werden, dass es im Spanischen mehrere korrekte Aussprachen gibt und dass nationale und regionale Unterschiede normal sind. Wenn eine Schülerin seseo mitbringt, bietet sich das als Gelegenheit an, die auf Teile Spaniens begrenzte Verwendung der distinción anzusprechen – nicht zu korrigieren. Kleine Einblicke in Aussprachevielfalt lassen sich gut über Songs, Audiobeispiele oder kurze Videoausschnitte aus verschiedenen Regionen geben. Beim Interdentallaut [θ] lohnt der sprachenvergleichende Blick ins Englische, um stereotype Vorstellungen von ‚komisch klingendem Lispeln‘ zu hinterfragen.
Niemand muss alle Varianten beherrschen oder vermitteln. Es genügt, wenn Lernende eine rezeptive Aussprachekompetenz entwickeln – also erkennen, dass Barcelona mit [s] oder ohne [θ] gesprochen werden kann, dass pollo in Argentinien anders klingt als in Mexiko und dass comer in Kuba manchmal als comel ausgesprochen wird.
Zusammenfassung
Eine einzige ‚richtige‘ Aussprache gibt es nicht. Die drei wichtigsten Variationsphänomene im Überblick:
Distinción vs. seseo: Die Unterscheidung von /θ/ und /s/ ist auf Teile Spaniens beschränkt; in der Mehrheit der Hispanophonie ist der seseo die Norm.
Yeísmo (inkl. žeísmo/šeísmo): /ʎ/ und /ʝ/ werden heute fast überall als [ʝ] ausgesprochen; im Río de la Plata-Raum wird das Phonem meist als [ʒ] oder [ʃ] artikuliert.
/s/-Abschwächung am Silbenende: Aspiration [h] und Elision prägen die Aussprache in der Karibik, den amerikanischen Tieflandgebieten, in Südandalusien und den Kanaren – und gehört in vielen dieser Gebiete zur Aussprachenorm.
/s/-Erhalt im Hochland: In den Hochlandregionen Hispanoamerikas – etwa in Mexiko-Stadt, Bogotá, Quito oder La Paz – wird /s/ auch am Silbenende deutlich als [s] artikuliert.
Lehrkräfte sollten bewusst eine Aussprachevariante als Orientierung verwenden, zugleich aber deutlich machen, dass andere Varianten ebenso korrekt sind und zur sprachlichen Realität der Hispanophonie gehören.
Wer mehr wissen will …
Grobe Übersichten zu seseo und yeísmo bietet das Diccionario panhispánico de dudas (DPD, RAE/ASALE 2025); die einschlägigen Kapitel in Band 3 der Nueva gramática de la lengua española (RAE/ASALE 2009–2011, 2.ª ed. 2025) gehen deutlich tiefer. Tacke (2020) gibt einen kompakten Überblick zur Aussprachenorm im Spanischen und zeigt, dass diese plurizentrisch selbstreguliert ist.
Zur Unterrichtsperspektive: Die ASELE-Akten ¿Qué español enseñar? (Martín Zorraquino / Díez Pellegrín 2000) protokollieren erste Befragungen zur Wahl der Ziellautung; Leitzke-Ungerer / Polzin-Haumann (2017) zeigen für den deutschsprachigen Unterricht, dass Lehrwerke und Prüfungen regionale Lautmerkmale nur punktuell einbauen; Andión (2013) weist nach, dass Lehrkräfte ihre eigene Variante nutzen, sich bei der Vermittlung mehrerer Lautbilder aber oft unsicher fühlen. Moreno Fernández (2000) liefert Kriterien für ein bewusst gewähltes Varietäten-Modell; Hernández Muñoz et al. (2021) ergänzen kommentierte Unterrichtsbeispiele zu seseo, yeísmo und weiteren Phänomenen, und Poch Olivé (2024) legt eine komplette Sequenz zur Wahrnehmung und Produktion verschiedener Lautvarianten vor.
Authentische Hörbelege aus allen hispanophonen Ländern bietet das CO.RA.PAN-Korpus (Tacke 2026).
Literatur¶
- DPD Diccionario panhispánico de dudas
- NGLE Nueva gramática de la lengua española
- CO.RA.PAN Corpus Radiofónico Panhispánico
- Andión, María Antonieta (2013): „Los profesores de español L2/LE y las variedades: Identidad dialectal, actitudes y prácticas docentes“. Revista Signos. Estudios de Lingüística, 46 (82), 155–189. DOI: https://doi.org/10.4067/S0718-09342013000200001
- Gabriel, Christoph / Meisenburg, Trudel / Selig, Maria (2025): Spanisch: Phonetik und Phonologie. Eine Einführung. 2., überarb. Aufl. Tübingen: Narr Francke Attempto. DOI: https://doi.org/10.24053/9783381100125
- Hernández Muñoz, Natividad / Muñoz-Basols, Javier / Soler Montes, Carlos (Hg.) (2021): La diversidad del español y su enseñanza. London/New York: Routledge. DOI: https://doi.org/10.4324/9781003128168
- Hualde, José Ignacio (2014): Los sonidos del español. Cambridge: Cambridge University Press.
- Kubarth, Hugo (1987): Das lateinamerikanische Spanisch. Ein Panorama. München: Hueber.
- Leitzke-Ungerer, Eva / Polzin-Haumann, Claudia (Hg.) (2017): Varietäten des Spanischen im Fremdsprachenunterricht. Ihre Rolle in Schule, Hochschule, Lehrerbildung und Sprachenzertifikaten. Stuttgart: ibidem.
- Lipski, John M. (1994): Latin American Spanish. London / New York: Longman.
- Lipski, John M. (2019): „Spanish Phonological Variation“. In: Colina, Sonia / Martínez-Gil, Fernando (Hg.): The Routledge Handbook of Spanish Phonology. London / New York: Routledge, 455–469. DOI: https://doi.org/10.4324/9781315228112-26
- Martín Zorraquino, M. Antonia / Díez Pellegrín, Cristina (Hg.) (2000): ¿Qué español enseñar? Norma y variación lingüísticas en la enseñanza del español a extranjeros. Actas del XI Congreso Internacional de ASELE (Zaragoza, 13.–16. 9. 2000). Zaragoza: Universidad de Zaragoza.
- Moreno Fernández, Francisco (2000): ¿Qué español enseñar? Madrid: Arco Libros.
- Poch Olivé, Dolors (2024): „Variación fonética y enseñanza del español“. Variación. Revista de variación y cambio lingüístico, 1 (2), 18–30. DOI: https://doi.org/10.30827/3020.9854rvcl.1.2.2024.31844
-
Pustka, Elissa / Schwegler, Armin (2021): „Phonética y fonología: vocalismo y consonantismo". In: Eckkrammer, Eva Martha (Hg.): Manual del español en América. Berlin / Boston: De Gruyter, 451–464. DOI: https://doi.org/10.1515/9783110334845-027
-
Real Academia Española / Asociación de Academias de la Lengua Española:
— (2009–2011): Nueva gramática de la lengua española. 3 Bde. Madrid: Espasa. Online: https://www.rae.es/gramática/
— (2025): Diccionario panhispánico de dudas. 2.ª ed. Madrid: Santillana. Online: https://www.rae.es/dpd/
— (2025): Nueva gramática de la lengua española. Nueva edición actualizada, 4 Bde. Madrid: Espasa. -
Tacke, Felix (2020): „Spanish: Orthography and Orthoepy“. In: Lebsanft, Franz / Tacke, Felix (Hg.): Manual of Standardization in the Romance Languages. Berlin / Boston: De Gruyter, 559–579. DOI: https://doi.org/10.1515/9783110458084-025
- Tacke, Felix (2026): CO.RA.PAN – Corpus Radiofónico Panhispánico. Marburg: Philipps-Universität Marburg. Online: https://corapan.hispanistica.com
Dieses Kapitel zitieren
Freyre Castro, Renata / Tacke, Felix (2026): „Variation in der Aussprache“. In: Tacke, Felix (Hg.): Linguistik im Spanischunterricht. Ein digitales Lehrbuch für (angehende) Lehrkräfte. Marburg: Philipps-Universität Marburg, S. 69–80.
Online: linguistik.hispanistica.com
DOI: https://doi.org/10.17192/openumr/598