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5.3 Variation in der Anrede

Peer Review: Paul BeckerEnrique Ritz Pequeño
Erstellt: 11.02.2026
Geändert: 11.03.2026

Die Welt der Anredeformen: mehr als und usted1

Lernende stoßen früher oder später auf Situationen, die vertraute Konzepte ins Wanken bringen: In einer argentinischen Serie hört man nicht , sondern vos – und Verbformen, die im Schulbuch nicht vorkommen. In einer Gruppe sprechen sich Mexikanerinnen mit an, aber an alle gerichtet, verwenden sie ustedes. Wieder in einem anderen Kontext spricht ein kolumbianischer Student seinen besten Freund mit usted an. Solche Begegnungen machen deutlich: Die Anrede gehört zu den Bereichen des Spanischen, in denen regionale Unterschiede besonders auffällig sind – und besonders irritierend für Lernende, deren Spanischkenntnisse vor allem aus dem Klassenraum stammen.

Bei der Frage, welche Anrede in welcher Situation angemessen ist, variiert das Spanische regional noch stärker als im Bereich der Aussprache. Die in Spanien seit einigen Jahrzehnten zu beobachtende Entwicklung, dass immer häufiger und usted immer seltener gebraucht wird – selbst im Arzt-Patienten-Gespräch –, wird dabei oft als Entwicklung des Spanischen insgesamt missverstanden. In vielen Regionen Hispanoamerikas spielt usted aber weiterhin eine zentrale Rolle; und usted lässt sich keineswegs einfach mit dem deutschen ‚Siezen' gleichsetzen: In manchen Regionen markiert es Distanz, in anderen Vertrautheit und Zuneigung. Hinzu kommt, dass große Teile der Hispanophonie den Vertrautheitsbereich gar nicht über organisieren, sondern über vos – eine Form, die nicht etwa eine rein argentinische Eigenart ist, sondern in weiten Teilen Hispanoamerikas verbreitet, wenn auch je nach Region sehr unterschiedlich eingebettet.

Für das Verständnis dieser Unterschiede ist eine Grundunterscheidung zentral: die zwischen trato de confianza und trato de respeto.

Trato de confianza und trato de respeto

In der spanischen Linguistik unterscheidet man häufig zwischen trato de confianza (Vertrautheitsanrede) und trato de respeto (Höflichkeitsanrede). Gemeint sind damit nicht bestimmte Pronomen, sondern soziale Beziehungen zwischen Gesprächspartner:innen. Welche Formen diese Funktionen übernehmen – etwa , vos oder usted – ist im Spanischen regional sehr unterschiedlich organisiert.

Im Zentrum dieses Kapitels stehen die Anredepronomen , vos, usted, vosotros und ustedes. Der Bereich Anrede ist natürlich umfassender – er schließt nominale Anredeformen wie su majestad, don oder Berufsbezeichnungen als Vokative ein –, doch für den täglichen Unterricht und den Umgang mit authentischen Materialien sind die Pronomen der entscheidende und zugleich variationsreichste Kern. Schulbücher orientieren sich meist am peninsularen System mit /usted und vosotros/ustedes, was bei authentischen Materialien aus Hispanoamerika schnell zu Verständnisproblemen oder falschen Normvorstellungen führen kann.

Sagen wirklich alle ‚du‘? – und usted in Spanien und Amerika2

Wer heute Spanisch lernt, gewinnt leicht den Eindruck, dass sich die Anrede im Spanischen zunehmend zugunsten von vereinheitlicht und dass die höflichere Anredeform usted kaum noch eine Rolle spielt. Dieser Eindruck speist sich vor allem aus dem heutigen Sprachgebrauch in Spanien. Dort gilt heute in vielen Situationen als neutrale Form und wird weit über den familiären oder privaten Bereich hinaus verwendet: im Berufsalltag, in Dienstleistungs- und institutionellen Situationen, zwischen Studierenden und Professor:innen, ja sogar zwischen Ärztin und Patient. Wie das Englische gar keine Alternative zum neutralen you kennt, scheint das Spanische usted abzuschaffen. Tatsache ist jedoch, dass diese Entwicklung regional begrenzt ist und nicht als allgemeine Norm des Spanischen verstanden werden kann. Vielmehr ist sie Teil einer allgemeinen gesellschaftlichen ‚Entformalisierung‘, die Spanien (und einige andere Länder) seit den 1980er Jahren kennzeichnet.

Wendet man den Blick aber auf Hispanoamerika, zeigt sich schnell, dass die Situation ‚des Spanischen‘ viel komplexer ist, denn dort haben sich für die Singularanrede ganz unterschiedliche Systeme und Präferenzen herausgebildet.

Ähnlich wie in Spanien hat sich der Gebrauch von in den letzten Jahrzehnten nur in einem Teil des hispanophonen Amerikas im Rahmen des gesellschaftlichen Wandels ausgebreitet. Dies gilt etwa für Teile Mexikos, Perus oder Puerto Ricos, wo heute in zahlreichen informellen Kontexten verbreitet ist, wenngleich usted dort weniger stark verdrängt wurde im Gebrauch als in Spanien.

Daneben stehen Regionen und Länder, in denen usted weiterhin eine zentrale Rolle spielt und die Grenzziehung zwischen trato de confianza und trato de respeto auf andere Weise organisiert ist. So ist usted in Teilen Kolumbiens, Costa Ricas oder Ecuadors auch im Alltag präsent und keineswegs auf formelle oder institutionelle Situationen beschränkt. Besonders charakteristisch ist dabei, dass usted hier nicht zwingend Distanz markiert, sondern je nach Kontext auch Nähe, Vertrautheit oder Solidarität ausdrücken kann – etwa im Umgang mit Freund:innen oder innerhalb der Familie.

Schließlich gibt es Regionen, in denen im Nähebereich nur eine untergeordnete Rolle spielt. In diesen Varietäten wird Nähe nicht oder nicht primär über , sondern über Formen des voseo ausgedrückt, auf den im folgenden Abschnitt näher eingegangen wird. Damit wird deutlich, dass der Gebrauch der Formen in Spanien nur eine mögliche Entwicklung darstellt – und die weder repräsentativ für Hispanoamerika noch für das Spanische insgesamt ist.

Anredevariation in der Werbung: Ein Beispiel

Internationale Werbekampagnen werden oft parallel für verschiedene Sprachräume produziert. Dabei werden nicht nur Texte übersetzt, sondern auch sprachliche Varianten an den jeweiligen Markt angepasst.

Ein besonders gutes Beispiel liefert die internationale Kampagne eines bekannten Keks-Herstellers, für die gleich drei spanischsprachige Versionen mit unterschiedlichen Verbformen produziert wurden: Man hört tuteo-Formen in den Versionen für Mexiko und Spanien und voseo-Formen im Clip, der für Argentinien produziert wurde.

Hörbar wird der Unterschied in den Verbformen: In den mexikanischen und spanischen Versionen erscheinen Formen des tuteo, die auf der vorletzten Silbe betont sind (hier fett) wie giras, lanzas, muerdes oder pruebas. In der argentinischen Version stehen dagegen typische voseo-Formen wie girás, lanzás, mordés und probás. Die Betonung liegt dabei typischerweise auf der letzten Silbe.

Vos querés statt tú quieres: der voseo in Hispanoamerika3

Wenn vom voseo die Rede ist, wird dieser häufig mit Argentinien gleichgesetzt. Diese Wahrnehmung ist erklärbar, greift jedoch zu kurz. Zwar ist diese Anredeform im Río de la Plata-Raum besonders sichtbar und als voseo argentino international bekannt, tatsächlich sind Varianten dieser Anrede aber in großen Teilen Hispanoamerikas verbreitet. Entscheidend ist dabei, dass vos je nach Region sehr unterschiedlich in das jeweilige Anredesystem eingebettet ist und sowohl in seiner grammatischen Ausprägung als auch in seiner sozialen Funktion stark variiert.

Wie der voseo gebildet wird und wo

Mit dem voseo ist nicht überall dieselbe Kombination aus Pronomen und Verbform gemeint. Beim sogenannten pronominal-verbalen voseo treten Pronomen und Verbform gemeinsam auf: vos tenés, vos hablás, vos vivís. Daneben gibt es den rein verbalen voseo, bei dem das Pronomen mit einer voseanten Verbform kombiniert wird: tú tenés, tú hablás. Der rein pronominale voseo schließlich verwendet das Pronomen vos mit einer tuteanten Verbform: vos tienes, vos hablas.

Im Bereich der Possessivpronomen ist der voseo ebenfalls nicht einheitlich realisiert. In vielen Varietäten treten voseante Formen mit den aus dem tuteo bekannten Possessiven auf (tu libro, tus amigos), während in anderen Regionen auch historische Formen wie vuestro randständig belegt sind. Häufig zeigt sich eine Mischform, in der vos mit tu kombiniert wird.

Diese Unterschiede verdeutlichen, dass der voseo nicht als einzelne Form, sondern als Teil eines jeweils regional organisierten Anredesystems zu verstehen ist. Die genannten Kombinationen gelten daher nicht als ‚Fehler‘, sondern als Ausdruck grammatischer und sozialer Variation im Bereich des trato de confianza.

Dieser Komplexität kann ein Lehrbuch kaum vollständig gerecht werden, doch lassen sich zumindest grob einige Typen von Anredesystemen im hispanoamerikanischen Spanisch unterscheiden – danach, wie groß die Rolle von vos in der Kommunikation ist und wie es sich zum Gebrauch von verhält.

Der bekannteste, geradezu prototypische Vertreter des ersten Typs ist der Río de la Plata-Raum, der neben der Region um Buenos Aires auch Uruguay und Paraguay umfasst. Hier ist vos die konkurrenzlose Vertrautheitsform und übernimmt die Funktion, die in anderen Varietäten erfüllt. spielt demgegenüber praktisch keine Rolle in der Alltagskommunikation. Charakteristisch für diese Varietäten ist zudem, dass vos nicht nur in der gesprochenen Sprache, sondern auch in Medien, Werbung und in der geschriebenen Standardsprache die übliche Form ist, wie anhand der Beispiele aus der Werbung (s.o.) und dem Rundfunk (s.u.) deutlich wird. Gerade diese Standardnähe erklärt, warum der argentinische voseo international besonders präsent ist, ohne jedoch repräsentativ für alle Varietäten sein zu können, in denen Formen des voseo vorkommen.

In einem zweiten Typ von Varietäten koexistieren vos und im Bereich des trato de confianza, wobei der voseo selbst die reguläre Näheform bildet. In solchen Systemen ist vos im informellen Umgang die übliche Anredeform, während daneben als standardnähere oder situationsgebundene Alternative auftreten kann. So ist vos in vielen Teilen Mittelamerikas, z.B. in Guatemala, Honduras oder Nicaragua, im informellen Umgang unter Gleichaltrigen oder im Freundeskreis die gewöhnliche Anredeform (z.B. ¿vos querés venir?). Nur in standardnäheren Situationen, etwa schulischen und institutionellen Kontexten kommt ebenfalls vor.

Daneben gibt es Länder, in denen vos und zwar ebenfalls nebeneinander vorkommen, das zugrunde liegende System jedoch grundsätzlich tuteante ist. In diesen Fällen bleibt die neutrale und unmarkierte Form des trato de confianza, während vos eher eine stilistisch oder sozial markierte Variante darstellt. Dies gilt etwa für Teile Kolumbiens oder für Chile. In Chile z.B. ist vos in vertrauten Kontexten durchaus präsent, kann jedoch je nach Situation als stärker umgangssprachlich wahrgenommen werden, sodass in neutraleren oder öffentlichkeitsnahen Kontexten bevorzugt wird. Diese Konstellationen machen besonders deutlich, dass der voseo nicht einfach ‚vorhanden‘ oder ‚nicht vorhanden‘ ist, sondern innerhalb eines Systems unterschiedliche Funktionen übernehmen kann.

Schließlich gibt es Gegenden, in denen vos nicht mehr Teil des allgemeinen Anredesystems ist, sondern nur noch eine randständige oder regional begrenzte Rolle spielt. In Ländern wie Mexiko, Peru oder Ecuador wird der Nähebereich über organisiert. Vos tritt dort viel seltener und meist nur in bestimmten Regionen auf (etwa im Süden Mexikos oder in Teilen der Anden). Dort erscheint die Form eher in ländlichen oder lokal geprägten Varietäten, während im städtischen, öffentlichen oder standardnahen Sprachgebrauch in der Regel bevorzugt wird.

Insgesamt zeigt sich damit, dass der voseo zwar in weiten Teilen Hispanoamerikas verbreitet, jedoch sehr unterschiedlich in die jeweiligen Anredesysteme eingebunden ist. Während vos in manchen Regionen die unmarkierte Standardform des trato de confianza darstellt, koexistiert es andernorts mit oder spielt nur eine untergeordnete Rolle.

Voseo: Beispiele aus verschiedenen Regionen Hispanoamerikas

Die folgenden Ausschnitte aus Radiosendungen zeigen den Gebrauch des voseo, also der Anrede mit vos und den dazugehörigen Verbformen, im öffentlichen Bereich. Besonders typisch sind Formen wie sabés, querés, tenés oder cantás, bei denen die Betonung auf der letzten Silbe liegt.

El Salvador:

„Entonces vos cómo imaginás que eso puede ser posible.“ (SLVd96cd5aec)

Paraguay:

„¿Y vos sabés qué estoy leyendo?“ (PRY056c6e190)

Argentinien, Bsp. 1:

„Si te estás despertando, querés que te hablen despacito.“ (ARG0e9041c54)

Argentinien, Bsp. 2:

„¿Tenés un presidente decorativo?“ (ARG161dd0304)

Uruguay:

„No es que vos podés elegir dormir en una ciudad y entrenar en otra.“ (URY0f1c01cd7)

Uruguay, Bsp. 2:

„Las noticias y vos se encuentran en el Informativo Sarandí a las 7.“ (URY8b580411c)

Audios aus CO.RA.PAN

Vosotros oder ustedes? Variation in der Pluralanrede1

In der Pluralanrede ist das Variationsspektrum im Spanischen deutlich übersichtlicher als bei der Singularanrede. Zwei grundlegende Konstellationen lassen sich unterscheiden, die aber lediglich die Wahl der Pronomina vosotros und ustedes und ihre unterschiedliche funktionale Einbindung in die jeweiligen regionalen Anredesysteme betreffen.

In Hispanoamerika steht in der Pluralanrede nur ein Pronomen zur Verfügung, sodass die Unterscheidung zwischen Nähe und Distanz gar nicht über das Pronomen ausgedrückt werden kann. Ustedes ist hier die allgemeine und neutrale Form der Pluralanrede – unabhängig davon, ob vertraut oder formell gesprochen wird. So werden etwa Kinder, Freunde oder Familienangehörige im Plural ganz selbstverständlich mit ustedes angesprochen, ohne dass dies als distanziert empfunden würde. Die Kategorien des trato de confianza und des trato de respeto sind auf der Ebene der Pronomina im Plural somit systematisch neutralisiert (man denke auch an engl. you).

Warum es in Hispanoamerika (fast) nur ustedes gibt

Die Form vosotros hat sich in Hispanoamerika historisch betrachtet nie als Teil des alltäglichen Anredesystems etabliert. Die Form ist selbst eine relativ junge Entwicklung: Sie hat sich als verstärkte Form (vos + otrosvosotros) erst im 15. und 16. Jahrhundert herausgebildet und etabliert. Dagegen hat die Form in Amerika nie Fuß gefasst, sodass sich dort von Beginn an ein Pluralsystem ohne vosotros herausbildete und ustedes bereits in der frühen Kolonialzeit zur allgemeinen Pluralform wurde, die sie bis heute ist.
Vorkommen von vosotros in Hispanoamerika beschränken sich daher auf randständige Bereiche, etwa historische oder literarische Texte, liturgische Sprache oder stark rhetorische Kontexte; im alltäglichen Sprachgebrauch spielt die Form keine Rolle.

In Spanien wird die Unterscheidung zwischen Nähe und Distanzanrede dagegen auch im Plural durch Pronomina ausgedrückt. Vosotros wird hier für die vertraute Anrede analog zu verwendet, ustedes ausschließlich für die respektvolle Anrede. Dabei gilt dies nicht einmal für ganz Spanien: In Teilen Westandalusiens sowie auf den Kanarischen Inseln ist ustedes die allgemeine Pluralform, auch in vertrauten Kontexten. Vosotros kann hier zwar dennoch auftreten, etwa unter dem Einfluss schulischer oder medialer Normen, spielt im alltäglichen Sprachgebrauch jedoch eine untergeordnete Rolle.

Region / System Trato de confianza Trato de respeto
Spanien (große Teile) vosotros ustedes
Übergangsgebiete (Westandalusien,
Kanaren)
ustedes
(seltener: vosotros)
ustedes
Hispanoamerika (allgemein) ustedes ustedes

Wichtig ist die Feststellung, dass die Neutralisierung von Nähe- und Distanzanrede im Plural keineswegs einen kommunikativen Verlust darstellt oder als Abweichung verstanden werden darf. Nähe, Distanz oder Respekt werden in Varietäten mit ausschließlich ustedes über andere sprachliche Mittel ausgedrückt, etwa durch Vokative und Anredeausdrücke (amigos, chicos, señores), durch Intonation oder durch den situativen Kontext. Die soziale Differenzierung verschwindet also nicht, sondern wird auf andere Ebenen verlagert.

Kein einheitliches System – aber überall funktional

Die Betrachtung der Anredeformen zeigt, dass das Spanische über keine einheitlich organisierte Anrede verfügt, sondern über regional unterschiedliche Systeme, in denen Formen wie , vos, usted, vosotros oder ustedes jeweils spezifische soziale Funktionen übernehmen. Diese Unterschiede betreffen nicht nur die Wahl der Formen, sondern auch ihre Einbindung in kommunikative Situationen und soziale Beziehungen. Anredevariation ist kein Randphänomen, sondern regulärer Bestandteil sprachlicher Kompetenz – und die Sensibilisierung dafür erleichtert den Umgang mit authentischen Materialien aus allen Teilen der Hispanophonie. Die in vielen Lehrwerken präsentierte klare Gegenüberstellung von und usted sowie von vosotros und ustedes vereinfacht diese Vielfalt aus didaktischen Gründen, kann aber leicht den Eindruck eines einheitlichen Systems erwecken, das der tatsächlichen Vielfalt des Spanischen, gerade in kommunikativ so wichtigen Bereich, kaum gerecht wird.

Im Unterricht: rezeptive Kompetenz statt Vollständigkeit

Ziel des Unterrichts sollte nicht sein, alle regionalen Anredesysteme aktiv zu beherrschen. Wichtiger ist, Lernende dafür zu sensibilisieren, dass die Anrede im Spanischen regional unterschiedlich organisiert ist: dass neben auch Formen wie vos vorkommen, dass usted nicht überall dieselbe Funktion hat wie dt. Sie und dass im Plural außer in Spanien überall nur ustedes verwendet wird. Wer solche Unterschiede im Sinne der rezeptiven Varietätenkompetenz kennt, kann sie in authentischen Begegnungen leichter erkennen und souveräner damit umgehen.

Zusammenfassung

Das Spanische kennt keine einheitliche Anrede, sondern regional unterschiedlich organisierte Systeme.

In der Singularanrede stehen je nach Region , vos oder usted im Vordergrund: Während in Spanien als weitgehend neutrale Näheform gilt, spielt vos in weiten Teilen Hispanoamerikas eine zentrale oder gleichberechtigte Rolle neben . Die Anredeform usted entspricht im Spanischen dabei nicht einfach dem deutschen Sie: Je nach Region signalisiert die Form entweder Distanz und Respekt oder wird auch im vertrauten Umgang verwendet.

In der Pluralanrede wird in Hispanoamerika durchgehend ustedes verwendet, unabhängig davon, ob eine formelle oder informelle Anrede vorliegt. Auch im vertrauten Umgang entspricht diese Verwendung der regionalen Norm. Der Gebrauch von vosotros ist dagegen auf große Teile Spaniens beschränkt, da sich die Form in Hispanoamerika nie etabliert hat.

Ziel des Unterrichts sollte nicht sein, alle regionalen Systeme aktiv zu beherrschen, sondern Lernende dazu zu befähigen, die Formen zu erkennen, grob einzuordnen und in authentischen Begegnungen souverän damit umgehen zu können.

Wer mehr wissen will …

Einen umfassenden Überblick über die Anredesysteme des Spanischen bietet die Nueva gramática de la lengua española (RAE/ASALE 2009–2011; aktualisierte Ausgabe 2025). Sie beschreibt die Verteilung von , vos und usted sowie von vosotros und ustedes im gesamten spanischsprachigen Raum und dokumentiert auch regionale Unterschiede in den zugehörigen Verbformen.

Für die variationslinguistische Forschung zu Anredeformen gilt der Sammelband Formas y fórmulas de tratamiento en el mundo hispánico (Hummel / Kluge / Vázquez Laslop 2010) als zentrale Referenz. Er versammelt Studien zu den verschiedenen Systemen von tuteo, voseo und ustedeo in Europa und Amerika und zeigt, wie stark Anredeformen von regionalen Traditionen, sozialen Beziehungen und situativen Kontexten abhängen. Historische Grundlagenarbeiten zum voseo und zur Entwicklung der spanischen Anredesysteme finden sich bereits bei Fontanella de Weinberg (z.B. 1994, 1999), deren Studien bis heute häufig als Referenz dienen. Neuere diachrone Perspektiven bieten etwa die Beiträge im Sammelband Address in Portuguese and Spanish. Studies in Diachrony and Diachronic Reconstruction (Hummel / Lopes 2020), der die historische Entwicklung der Anredesysteme im Spanischen und Portugiesischen vergleichend untersucht.

Für den Unterricht stellt sich weniger die Frage nach der vollständigen Beschreibung aller Varianten als nach einem reflektierten Umgang mit Variation. Arbeiten zur Varietätenvermittlung im Spanischunterricht – etwa im Band Varietäten des Spanischen im Fremdsprachenunterricht (Leitzke-Ungerer / Polzin-Haumann 2017) – zeigen, dass Lehrwerke häufig nur einen Teil der Anredevariation abbilden und dass Lehrkräfte daher eigene Entscheidungen über Zielvarietät und Variantenbehandlung treffen müssen. Beiträge aus der ELE-Didaktik (z.B. Navarro Gala 2000; Potvin 2022) plädieren deshalb dafür, Anredeformen nicht nur als grammatische Paradigmen zu behandeln, sondern ihre regionale Verteilung und pragmatische Bedeutung transparent zu machen.

Literatur

  • NGLE Nueva gramática de la lengua española
  • CO.RA.PAN Corpus Radiofónico Panhispánico
  • Fontanella de Weinberg, María Beatriz (1994): „Fórmulas de tratamiento en el español americano (siglos XVI y XVII)“. In: Fontanella de Weinberg, María Beatriz (Hg.): El español en el Nuevo Mundo. Washington: Organización de Estados Americanos, 7–31.
  • Fontanella de Weinberg, María Beatriz (1999): „Sistemas pronominales de tratamiento usados en el mundo hispánico“. In: Bosque, Ignacio / Demonte, Violeta (Hg.): Gramática descriptiva de la lengua española. Bd. 1. Madrid: Espasa, 1399–1425.
  • Hummel, Martin / Kluge, Bettina / Vázquez Laslop, María Eugenia (Hg.) (2010): Formas y fórmulas de tratamiento en el mundo hispánico. México / Graz: El Colegio de México / Karl-Franzens-Universität Graz.
  • Hummel, Martin / Lopes, Célia Regina dos Santos (Hg.) (2020): Address in Portuguese and Spanish. Studies in Diachrony and Diachronic Reconstruction. Berlin / Boston: De Gruyter. DOI: https://doi.org/10.1515/9783110701234
  • Leitzke-Ungerer, Eva / Polzin-Haumann, Claudia (Hg.) (2017): Varietäten des Spanischen im Fremdsprachenunterricht. Ihre Rolle in Schule, Hochschule, Lehrerbildung und Sprachenzertifikaten. Stuttgart: ibidem.
  • Navarro Gala, Rosario (2000): „Una propuesta teórico-práctica para la enseñanza de las formas de tratamiento de segunda persona en las clases de ELE“. In: Martín Zorraquino, María Antonia / Díez Pellegrín, Cristina (Hg.): ¿Qué español enseñar? Norma y variación lingüísticas en la enseñanza del español a extranjeros. Zaragoza: Universidad de Zaragoza, 551–558.
  • Potvin, Cynthia (2022): „Tuteo, voseo y ustedeo en los manuales de ELE: estado de la cuestión“. MarcoELE. Revista de Didáctica ELE 34, 1–22.

  • Real Academia Española / Asociación de Academias de la Lengua Española:
    — (2009–2011): Nueva gramática de la lengua española. 3 Bde. Madrid: Espasa. Online: [https://www.rae.es/gramática/]
    — (2025): Nueva gramática de la lengua española. Nueva edición actualizada, 4 Bde. Madrid: Espasa.

  • Tacke, Felix (2026): CO.RA.PAN – Corpus Radiofónico Panhispánico. Marburg: Philipps-Universität Marburg. Online: https://corapan.hispanistica.com

Dieses Kapitel zitieren

Mehrlein Merenciano, Daniel / Pimenta Lange, Lucas / Stephan Quezada, Karina / Tacke, Felix (2026): „Variation in der Anrede“. In: Tacke, Felix (Hg.): Linguistik im Spanischunterricht. Ein digitales Lehrbuch für (angehende) Lehrkräfte. Marburg: Philipps-Universität Marburg, S. 81–90.
Online: linguistik.hispanistica.com
DOI: https://doi.org/10.17192/openumr/598


  1. (Mit-)Autorin: Karina Stephan Quezada. 

  2. (Mit-)Autor: Lucas Pimenta Lange. 

  3. (Mit-)Autor: Daniel Mehrlein Merenciano.