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4 Lexikalische Kreativität

Peer Review: Gloria GabrielLea-Marie DominJamaa Khodja
Erstellt: 02.11.2025
Geändert: 08.03.2026

¿Cómo se dice Fernweh en español?

Wer versucht, das deutsche Wort Fernweh ins Spanische zu übersetzen, merkt schnell: So einfach ist das nicht. Zwar lässt sich die Bedeutung umschreiben – etwa mit deseo de viajar oder ansias de ver el mundo –, doch eine direkte Entsprechung gibt es nicht. Dieses Beispiel zeigt, dass jede Sprache die Welt auf ihre Weise in Wörter fasst – und dass ständig neue Wörter entstehen, um neue Erfahrungen zu benennen.

Im Spanischen ist das nicht anders als im Deutschen. Während der COVID-19-Pandemie entstanden scheinbar über Nacht Neuschöpfungen wie balconear ‘auf dem Balkon verweilen oder mit Nachbarn kommunizieren’ oder zoompleaños ‘Geburtstagsfeier über Zoom’. Solche palabras pandémicas zeigen, wie flexibel Sprache auf neue Lebenssituationen reagiert – und dass hinter dieser Flexibilität erkennbare Muster stehen: balconear ist nach dem Muster Substantiv + -ear gebildet (wie googlear oder chatear), zoompleaños verschmilzt Zoom und cumpleaños zu einem Kofferwort. Wer diese Muster kennt, versteht besser, wie Sprache funktioniert, und kann sich neue Wörter leichter erschließen.

Gerade im Fremdsprachenunterricht eröffnet das Thema Wortbildung wichtige Potenziale: Es hilft, Wortschatz nachhaltiger zu lernen – nicht als isolierte Liste, sondern über Bausteine und Muster, die sich auf unbekannte Wörter übertragen lassen. Wer erkennt, dass trabajador aus trabajar + -dor besteht, kann auch vendedor, jugador oder programador erschließen, ohne sie je gelernt zu haben. Gleichzeitig sind Wortbildungsfehler – etwa wenn Lernende ein Suffix übergeneralisieren oder ein Präfix falsch einsetzen – diagnostisch aufschlussreich: Sie zeigen, dass Regeln bereits verinnerlicht, aber noch nicht vollständig abgegrenzt wurden (vgl. Kapitel Fehlerlinguistik).

Dieses Kapitel stellt zunächst die beiden produktivsten Wortbildungsverfahren vor – Derivation und Komposition –, die für die Wortschatzarbeit im Unterricht unmittelbar nutzbar sind. Anschließend gibt es einen Überblick über weitere Verfahren wie Verkürzungen, Konversion und Kontamination. Das Kapitel schließt mit einem besonders dynamischen Thema: Entlehnungen, Lehnübersetzungen und die Frage, ab wann ein neues Wort eigentlich zur Sprache gehört – ein Bereich, in dem Wortbildung, Sprachwandel und die Vielfalt des Spanischen unmittelbar zusammentreffen.

Lehrplanbezug

Wortbildung ist in den Bildungs- und Kerncurricula nicht als eigener Themenbereich ausgewiesen, aber fester Bestandteil der Kompetenzfelder Sprachbewusstheit, Grammatik und Wortschatzarbeit. Lernende sollen Wortbildungs- und Strukturmuster erkennen und nutzen, um Bedeutungen eigenständig zu erschließen.

Was ist Wortbildung?

Die Wortbildung ist ein Teilgebiet der Morphologie – also der Lehre vom inneren Aufbau der Wörter. Sie beschäftigt sich damit, wie aus vorhandenen sprachlichen Bausteinen neue Wörter entstehen.

Die kleinsten bedeutungstragenden Einheiten heißen Morpheme. Man unterscheidet Wortstämme (oder Wurzeln), die die Grundbedeutung tragen (z.B. habl- in hablar), und Affixe, die an den Stamm angefügt werden und Bedeutung oder Wortart verändern: Präfixe stehen vor dem Stamm (z.B. in- in infeliz), Suffixe dahinter (z.B. -dor in trabajador).

Die Wortbildung unterscheidet sich von der Flexion: Während Flexion grammatische Formen verändert – etwa Person, Numerus oder Tempus (z.B. niño – niños, hablo – hablábamos) –, schafft Wortbildung neue Ausdrücke mit neuer Bedeutung (z.B. trabajar → trabajador).

Die produktiven Verfahren: Derivation und Komposition

Im Spanischen gibt es eine Reihe von Verfahren, mit denen neue Wörter gebildet werden. Manche davon sind hoch produktiv – das heißt, sie bringen regelmäßig und in großer Zahl neue Wörter hervor –, andere kommen seltener zum Einsatz. Für den Unterricht sind vor allem die produktiven Verfahren relevant, weil Lernende von ihnen am meisten profitieren: Wer die gängigen Muster kennt, kann neue Wörter selbständig erschließen, statt sie einzeln lernen zu müssen. Die beiden produktivsten Verfahren des Spanischen sind die Derivation (Ableitung durch Affixe) und die Komposition (Zusammensetzung bestehender Wörter).

Derivation: Neue Wörter durch Präfixe und Suffixe

Die Derivation bezeichnet die Bildung neuer Wörter durch das Anfügen von Affixen an ein vorhandenes Lexem. Sie ist das produktivste Verfahren der spanischen Wortbildung und ermöglicht es, Bedeutung, Wortart oder stilistische Nuancen systematisch zu verändern. So wird aus cantar der cantante ‘Sänger:in’, aus amor wird amoroso ‘liebevoll’.

Präfixe verändern die Bedeutung des Stammes, ohne die Wortart zu ändern: releer, injusto, predecir. Suffixe verändern dagegen häufig die Wortart oder fügen eine zusätzliche Bedeutungsnuance hinzu: panadero ‘Bäcker’ (Substantiv aus Substantiv), hermoso ‘schön’ (Adjektiv aus Substantiv), ventanilla ‘kleines Fenster’ (Diminutiv). In manchen Fällen werden Präfix und Suffix gleichzeitig angefügt, etwa in atemorizar ‘einschüchtern’ aus temor ‘Furcht’ – man spricht dann von Parasynthese.

Im Unterricht lässt sich die Derivation besonders gut nutzen, um Wortschatzarbeit systematisch zu gestalten. Wer das Grundwort cantar an die Tafel schreibt und gemeinsam verwandte Wörter sammelt, erhält schnell ein Netz aus cantante ‘Sänger:in’, cantautor ‘Liedermacher:in’, cantarín ‘singfreudig’ – und die Lernenden erkennen, dass sie mit wenigen Bausteinen ganze Wortfamilien erschließen können.

Diminutive und Augmentative

Besonders typisch für das Spanische – und im Unterricht früh relevant – sind die Diminutiv- und Augmentativsuffixe. Diminutive wie perrito ‘Hündchen’ oder casita ‘Häuschen’ drücken nicht nur Verkleinerung aus, sondern auch Nähe oder Zuneigung (mi abuelita), manchmal auch Ironie (señorito). Augmentative wie hombrazo oder portón ‘großes Tor’ verstärken Größe oder Intensität; je nach Kontext können sie auch abwertend wirken, wie in manazo ‘grober Handgriff, Tatze’.

Die Diminutivbildung variiert zudem regional: Während in Spanien -ito/-ita dominiert, sind in Mexiko Formen wie ahorita oder lueguito so verbreitet, dass sie kaum noch als Verkleinerung empfunden werden, und in Kolumbien oder Venezuela begegnet man häufig dem Suffix -ico/-ica (z.B. momentico). Diese Variation ist im Kapitel Grammatische Variation ausführlicher behandelt und bietet im Unterricht Anlass, über die Vielfalt des Spanischen zu sprechen.

Struktur der Derivation & Beispiele

Das Grundprinzip der Derivation ist einfach: An ein vorhandenes Lexem wird ein Affix angefügt, das Bedeutung oder Wortart verändert. Suffixe bewirken dabei häufig einen Wortartwechsel: -ción/-sión bildet Handlungssubstantive (educación, decisión), -ero/-ista Berufs- oder Zugehörigkeitsbezeichnungen (panadero, futbolista), -ito/-illo Diminutive (perrito, ventanilla), -ón/-azo Augmentative (portón, manazo), und -oso/-able adjektivische Eigenschaften (hermoso, cantable).

Präfixe verändern dagegen die Bedeutung, ohne die Wortart zu berühren: in-/im- negiert (injusto ‘ungerecht’), re- drückt Wiederholung aus (releer ‘noch einmal lesen’), des- hebt auf oder kehrt um (desmotivar), sub- ordnet unter (subterráneo), pre- markiert Vorzeitigkeit (predecir).

Manche Derivationen sind rekursiv: moderno → modernizar → modernización zeigt, wie ein Wort in mehreren Schritten weitergebildet werden kann. Bei der Parasynthese werden Präfix und Suffix gleichzeitig angefügt, ohne dass eine Zwischenform existiert: temor → atemorizar; boca → embocardesembocar. Bei der Nullderivation wiederum fehlt ein sichtbares Affix: marchar → marcha, bailar → baile.

Nicht alle Affixe sind gleich produktiv. Suffixe wie -ción oder Präfixe wie re- bringen regelmäßig neue Wörter hervor, während andere Bildungen weniger transparent sind: panadero ‘Bäcker’ ist unmittelbar aus pan ‘Brot’ ableitbar, der Zusammenhang zwischen hermoso ‘schön’ und hermosura ‘Schönheit’ erschließt sich dagegen nicht auf den ersten Blick.

Affix-Plakat im Unterricht

Im Unterricht kann ein Affix-Plakat angelegt werden, auf dem neue Beispiele fortlaufend ergänzt und nach Präfixen und Suffixen geordnet werden. Jede Eintragung enthält zwei bis drei authentische Belege mit kurzer Bedeutungsangabe. So entsteht im Laufe der Zeit eine visuelle Übersicht produktiver Wortbildungsmuster, die Sprachbewusstheit und Wortschatzarbeit verbindet.

Komposition: Wörter aus Wörtern

Die Komposition bezeichnet die Bildung neuer Wörter durch die Verbindung zweier oder mehrerer selbstständiger Lexeme. Sie ist im Spanischen weniger häufig als im Deutschen – wo Komposita wie Handschuh, Kühlschrank oder Staubsauger allgegenwärtig sind –, spielt aber dennoch eine wichtige Rolle.

Sehr produktiv ist das Muster Verb + Substantiv, bei dem das Substantiv das Objekt der Handlung bezeichnet: sacapuntas ‘Anspitzer’ (wörtlich: ‘zieht Spitzen’), abrelatas ‘Dosenöffner’, rascacielos ‘Wolkenkratzer’, limpiaparabrisas ‘Scheibenwischer’. Andere Komposita bestehen aus zwei Substantiven (ciudad dormitorio ‘Schlafstadt’) oder verwenden eine Präposition (máquina de escribir ‘Schreibmaschine’).

Für den Unterricht ist die Komposition besonders anschaulich: Lernende können Bedeutungen oft aus den Bestandteilen ableiten. Wer rasca ‘kratzt’ und cielos ‘Himmel’ kennt, versteht die Logik hinter ‘Wolkenkratzer’. Gleichzeitig lässt sich gut vergleichen, wie das Deutsche und das Spanische dasselbe Konzept unterschiedlich zusammensetzen: dt. Staub-sauger vs. sp. aspira-dora (Derivation statt Komposition), dt. Wolken-kratzer vs. sp. rasca-cielos (umgekehrte Reihenfolge der Bestandteile).

Typen der Komposition & Beispiele

Das Grundprinzip der Komposition ist die Verbindung zweier selbstständiger Lexeme zu einem neuen Wort. Die häufigsten Komposita im Spanischen sind asyndetisch gebildet, also ohne Bindewort. Besonders produktiv ist dabei das Muster Verb + Substantiv: sacapuntas ‘Anspitzer’, abrelatas ‘Dosenöffner’, rascacielos ‘Wolkenkratzer’. Daneben gibt es Substantiv-Substantiv-Verbindungen wie ciudad dormitorio ‘Schlafstadt’ oder coche cama ‘Schlafwagen’ sowie Adjektiv-Adjektiv-Bildungen wie agridulce ‘bittersüß’.

Syntagmatische Komposita verwenden dagegen ein Bindewort, meist de: máquina de escribir ‘Schreibmaschine’, perro de caza ‘Jagdhund’. Diese Bildungen sind syntaktisch transparenter, funktionieren aber lexikalisch als Einheit.

Komposita können auch rekursiv gebildet werden, d.h. ein bestehendes Kompositum dient als Basis für eine neue Zusammensetzung: parabrisas ‘Windschutzscheibe’ (aus parar ‘stoppen’ + brisas ‘Brisen’) wird zum Bestandteil von limpiaparabrisas ‘Scheibenwischer’ (aus limpiar ‘reinigen’ + parabrisas).

Komposita im Sprachvergleich

Lass Deine Lernenden zusammengesetzte Wörter aus authentischen Texten sammeln und ihre Bestandteile markieren. Anschließend kann verglichen werden, wie dasselbe Konzept im Deutschen, im Englischen oder in den Herkunftssprachen der Lernenden ausgedrückt wird (vgl. Kapitel Herkunftssprachen). So werden sprachübergreifende Muster ebenso sichtbar wie die Unterschiede zwischen den Sprachen.

Weitere Verfahren im Überblick

Neben Derivation und Komposition gibt es im Spanischen weitere Wortbildungsverfahren, die zwar weniger produktiv sind, aber im Sprachgebrauch regelmäßig begegnen und im Unterricht gelegentlich Fragen aufwerfen. Drei davon verdienen einen knappen Blick.

Die Verkürzung von Wörtern ist ein alltägliches Mittel, um Kommunikation ökonomischer zu gestalten – besonders in der Umgangssprache und in den Medien. Bicicleta wird zu bici, profesor zu profe, fotografía zu foto. Auch komplexere Ausdrücke werden so verkürzt: Aus ferrocarril metropolitano wurde metro ‘U-Bahn’. Verkürzte Wörter behalten meist das Genus des Ursprungsworts (el autobús → el bus), gelegentlich aber nicht (el servicio militar → la mili ‘Wehrdienst’). Verwandt mit solchen Verkürzungen sind Siglen und Akronyme, die aus Anfangsbuchstaben entstehen. Einige werden buchstabiert ausgesprochen, andere wie normale Wörter gelesen: ONU ‘Vereinte Nationen‘ wird meist [oˈnu] ausgesprochen, während sida ‘AIDS‘ eindeutig wie ein normales Wort gelesen wird – und sogar weiter deriviert werden kann: sidoso ‘an AIDS erkrankt‘ zeigt, wie eine solche Bildung zum vollwertigen Lexem werden kann.

Bei der Konversion wechselt ein Wort seine grammatische Kategorie, ohne dass sich die Form verändert. Aus dem Verb hablar wird mit Artikel el hablar ‘das Sprechen‘, und auch Adjektive können substantivisch gebraucht werden, etwa el verde ‘das Grün‘ oder lo importante ‘das Wichtige‘. Im Spanischen signalisiert meist der Artikel den Wortartwechsel, im Deutschen übernimmt die Großschreibung diese Funktion. Für Lernende ist das ein guter Anlass, über die Rolle der Wortarten in beiden Sprachen nachzudenken.

Die Kontamination – auch Kofferwortbildung genannt – verschmilzt zwei bestehende Wörter zu einem neuen Ausdruck, oft mit humorvollem oder verdichtendem Effekt. Emoticono entsteht aus emoción ‘Emotion’ + icono ‘Symbol’, almuerzayuno aus almuerzo ‘Mittagessen’ + desayuno ‘Frühstück’ – das spanische Pendant zu ‘Brunch’. Auch das bereits im Einstieg genannte zoompleaños gehört hierher. Kontaminationen sind im Spanischen nicht hoch produktiv, illustrieren aber besonders anschaulich, wie kreativ Sprecher:innen mit ihrer Sprache umgehen.

Verkürzung, Konversion, Kontamination – Strukturen und Beispiele

Bei der Verkürzung wird ein Wort auf einen Teil reduziert. Man unterscheidet Aphärese (der Anfang fällt weg: autobús → bus), Apokope (das Ende fällt weg: bicicleta → bici, profesor → profe) und komplexe Ellipsen, bei denen nur ein Element eines mehrgliedrigen Ausdrucks erhalten bleibt (ferrocarril metropolitano → metro). Akronyme wiederum entstehen aus Anfangsbuchstaben und können buchstabiert (ITV ‘Technische Fahrzeugprüfung’) oder als Wort ausgesprochen werden (sida, ONU). Manche Akronyme werden so vollständig in die Sprache integriert, dass sie als Basis für neue Derivationen dienen: sida → sidoso, BTT → betetista ‘jemand, der Mountainbike fährt’ (informell).

Bei der Konversion bleibt die Form unverändert; die neue Wortart ergibt sich allein aus der syntaktischen Umgebung. Der Artikel oder das Satzgefüge weist auf die neue Kategorie hin: hablar (Verb) → el hablar ‘das Sprechen’; verde (Adjektiv) → el verde ‘das Grün’.

Bei Kontaminationen werden zwei Wörter so verschmolzen, dass Bestandteile und Bedeutungen beider erhalten bleiben: motor + hotel → motel; emoción + icono → emoticono; almuerzo + desayuno → almuerzayuno ‘Brunch’.

Sprache in Bewegung: Entlehnungen und neue Wörter

Keine Sprache existiert in einem Vakuum. Das Spanische hat im Laufe seiner Geschichte Wörter aus dem Arabischen, dem Französischen, dem Italienischen und in jüngerer Zeit vor allem aus dem Englischen aufgenommen – und tut es weiterhin. Dieser Prozess ist weder Zeichen von Verfall noch von Nachlässigkeit, sondern ein ganz normaler Ausdruck davon, dass Sprachen in Kontakt stehen und sich gegenseitig bereichern (vgl. Kapitel Sprachwandel).

Entlehnungen entstehen, wenn Wörter aus einer anderen Sprache übernommen werden. Dabei gibt es unterschiedliche Grade der Integration: Manche Wörter werden lautlich und orthographisch vollständig angepasst (fútbol aus engl. football), andere behalten ihre fremde Schreibung weitgehend bei (software, wifi). Gerade bei der Schreibung von Fremdwörtern zeigt sich, dass das Spanische Variation zulässt: fútbol und futbol, vídeo und video existieren je nach Land nebeneinander – beides ist korrekt (vgl. Kapitel Orthographie und Fehlerlinguistik).

Von direkten Entlehnungen zu unterscheiden sind Lehnübersetzungen: Hier wird nicht das fremde Wort selbst übernommen, sondern seine Bedeutung mit spanischen Elementen nachgebildet. So wurde aus dem englischen skyscraper das spanische rascacielos ‘Wolkenkratzer’ (wörtlich: ‘kratzt Himmel’), aus honeymoon die luna de miel ‘Flitterwochen’ (wörtlich: ‘Honigmond’). Lehnübersetzungen machen besonders gut sichtbar, wie Sprache fremde Konzepte aufnimmt und in die eigene Struktur überführt – ein Prozess, den Lernende im Sprachvergleich mit dem Deutschen, dem Englischen oder ihren Herkunftssprachen unmittelbar nachvollziehen können (vgl. Kapitel Herkunftssprachen).

Entlehnungen und Sprachkontakt erfahrbar machen

Sammle mit der Klasse aktuelle Entlehnungen aus spanischen Medien oder sozialen Netzwerken. Lass die Lernenden entscheiden, ob es sich um direkte Übernahmen oder um Lehnübersetzungen handelt, und vergleicht die Formen mit dem Deutschen und den Herkunftssprachen. Eine anregende Anschlussfrage: Wie könnte man ein Wort wie Homeoffice ins Spanische übersetzen – als Entlehnung oder als Lehnübersetzung? So wird deutlich, dass Mehrsprachigkeit ein Motor sprachlicher Innovation ist.

Ab wann gehört ein neues Wort zur Sprache?

Wer schon einmal Scrabble oder das spanische Apalabrados gespielt hat, kennt die Situation: Ein Wort wird gelegt, und sofort beginnt die Diskussion, ob es ‚zählt‘ – also ob es ‚offiziell‘ existiert. Als Schiedsrichter dient das Wörterbuch. Doch die Frage, ob ein Wort existiert, lässt sich linguistisch anders beantworten als im Brettspiel: Ein Wort gibt es, sobald es von Sprecher:innen verwendet und verstanden wird – unabhängig davon, ob es in einem Wörterbuch steht.

Wörterbücher wie das Diccionario de la lengua española (DLE) verzeichnen vor allem jene Ausdrücke, die sich in einer Sprachgemeinschaft über längere Zeit etabliert haben und als allgemein verständlich gelten. Dass ein Wort dort (noch) nicht verzeichnet ist, bedeutet also nicht, dass es das Wort nicht gibt – sondern nur, dass es (noch) nicht den Weg in das Nachschlagewerk gefunden hat. Das DLE dokumentiert den Kern des allgemeinen Wortschatzes, nicht aber jede regionale oder zeitlich begrenzte Neuerung. Für den hispanoamerikanischen Raum gibt es das Diccionario de Americanismos, für mexikanische Varietäten das Diccionario del español de México – beide erfassen Wörter, die im DLE fehlen, aber in ihren jeweiligen Sprachgemeinschaften vollkommen gebräuchlich sind.

Sprache bleibt also immer in Bewegung und kann nie vollständig in einem einzigen Nachschlagewerk abgebildet werden. Das gilt nicht nur für Entlehnungen und Neuschöpfungen, sondern auch für die alltäglichen Veränderungen, die der Sprachwandel mit sich bringt (vgl. Kapitel Sprachwandel).

Über Wörterbücher und lebendige Sprache sprechen

Im Unterricht kann es anregend sein, gemeinsam zu überlegen, welche Wörter gerade verwendet werden, die (noch) nicht im Duden oder im DLE stehen – etwa crush, stalkear oder emoji. So wird sichtbar, dass Wörter nicht erst durch ihre Aufnahme ins Wörterbuch existieren, sondern durch den alltäglichen Gebrauch. Diese Reflexion fördert Sprachbewusstheit und zeigt, dass auch Jugendsprache Teil sprachlicher Kreativität ist.

Zusammenfassung

Wortbildung im Spanischen folgt erkennbaren Mustern, die sich im Unterricht gezielt nutzen lassen. Die Derivation – die Bildung neuer Wörter durch Präfixe und Suffixe – ist das produktivste Verfahren und bietet Lernenden einen systematischen Zugang zur Erschließung unbekannten Wortschatzes. Die Komposition kombiniert bestehende Wörter zu neuen Einheiten und lässt sich gut im Sprachvergleich mit dem Deutschen einsetzen. Daneben gibt es Verkürzungen, Konversion und Kontamination als weitere, weniger produktive Verfahren. Entlehnungen und Lehnübersetzungen schließlich zeigen, wie Sprachen in Kontakt stehen und sich gegenseitig bereichern – und werfen die Frage auf, ab wann ein neues Wort eigentlich zur Sprache gehört. Für den Unterricht bedeutet das: Wortbildung ist nicht nur Grammatik, sondern ein Zugang zu sprachlicher Kreativität, kultureller Vielfalt und der Dynamik des Spanischen.

Wer mehr wissen will

Einführende Darstellungen zur Wortbildung bieten Kabatek/Pusch (2011), die zentrale Begriffe der spanischen Morphologie vorstellen und in den Gesamtaufbau des Lexikons einordnen. Speziellere und vertiefende Analysen finden sich bei Rainer (1993) sowie Varela (2005), die Formen, Funktionen und Produktivität einzelner Wortbildungsmuster systematisch beschreiben. Sehr ausführlich behandelt das Thema auch die Nueva gramática de la lengua española (RAE/ASALE 2009, 2.ª ed. 2025), deren Ausgabe von 2009 online durchsuchbar ist.

Für didaktisch orientierte Zugänge sind vor allem Serrano-Dolader (2019) und Entre/Gumiel-Molina (2024) relevant. Beide Werke verbinden linguistische Grundlagen mit methodischen Vorschlägen für den Unterricht. Ergänzend bietet das Online-Dossier des Instituto Cervantes praxisnahe Materialien und Aufgabenformate.

Literatur

  • Asociación de Academias de la Lengua Española (online): Diccionario de americanismos (DAMER). Online: https://www.asale.org/damer/
  • Colegio de México (online): Diccionario del español de México (DEM). Online: https://dem.colmex.mx/
  • CVC – Instituto Cervantes (Hrsg.): La formación de palabras en la clase de ELE. In: Antología didáctica de morfología. Online: https://cvc.cervantes.es/
  • Entre, María Ángeles / Gumiel-Molina, Susana (Hg.) (2024): Didáctica de la morfología. Alcalá de Henares: Universidad de Alcalá.
  • Kabatek, Johannes / Pusch, Claus D. (2011): Spanische Sprachwissenschaft. 2. Auflage. Tübingen: Narr Francke Attempto.
  • Rainer, Franz (1993): Spanische Wortbildungslehre. Tübingen: Niemeyer.
  • Real Academia Española (online): Diccionario de la lengua española (DLE). Online: https://dle.rae.es/
  • Real Academia Española / Asociación de Academias de la Lengua Española (2005): Diccionario panhispánico de dudas. Madrid: Santillana. Online: https://www.rae.es/dpd/
  • Real Academia Española / Asociación de Academias de la Lengua Española (2009/2025): Nueva gramática de la lengua española. Madrid: Espasa. Online: https://www.rae.es/gramática/
  • Serrano-Dolader, Daniel (2019): Formación de palabras y enseñanza del español LE/L2. London / New York: Routledge.
  • Varela Ortega, Soledad (2005): Morfología léxica: la formación de palabras. Madrid: Gredos.

Dieses Kapitel zitieren

Büşra Özen, Teodora Teodorescu, Felix Tacke (2026): „Lexikalische Kreativität“. In: Tacke, Felix (Hrsg.): Linguistik im Spanischunterricht. Ein digitales Lehrbuch für (angehende) Lehrkräfte. Marburg: Universität Marburg.
Online: linguistik.hispanistica.com
DOI: 10.5281/zenodo.15348687