1 Fehlerlinguistik¶
„En mi ciudad hay muchas gentes …“¶
Kaum ausgesprochen, wird eine solche Äußerung bereits korrigiert: „La gente. Se dice la gente, en singular.“ Szenen wie diese prägen den Spanischunterricht. Korrigiert wird ständig – nicht nur in Klassenarbeiten, sondern gerade auch in der mündlichen Interaktion. Fehler gehören zum Unterricht wie kaum etwas anderes, und der Umgang mit ihnen ist eine der zentralen Aufgaben von Lehrkräften.
Fehler – egal ob sie die Aussprache, Wortwahl, Wortbildung oder die Wortstellung betreffen – sind ein unvermeidbarer Teil jedes Sprachlernprozesses. Die Fehlerlinguistik stellt daher ein besonders zentrales Thema dieses Lehrbuchs dar: Sie bezeichnet die systematische Betrachtung, Analyse und Reflexion von sprachlichen Fehlern im Lernprozess – also die Frage, warum Fehler entstehen, was sie uns über den Lernstand verraten und wie Lehrkräfte und Lernende konstruktiv damit umgehen können.
Wer Fehler sucht, wird sie mit Sicherheit finden. Lernende heißen ja genau deshalb so, weil ihre Fremdsprachenkenntnisse nicht auf „Erstsprachenniveau“ (neutral für „Muttersprache“) liegen, sondern sich zwischen ihrer Erstsprache und der Zielsprache bewegen – ob der Weg nun vom Deutschen oder vom Türkischen oder Arabischen zum Spanischen führt. Dabei wissen wir alle aus eigener Erfahrung: Auch in unserer Erstsprache machen wir regelmäßig Fehler, etwa wenn wir uns versprechen oder nach der richtigen Formulierung suchen.
Im Fremdsprachenunterricht steht – anders als in vielen anderen Schulfächern – häufig nicht primär der eigentliche Inhalt im Fokus, sondern vor allem die Form, also die Sprache selbst: Ist das Verb korrekt konjugiert (yo teno statt yo tengo)? Werden Wörter richtig ausgesprochen (hay mit ausgesprochenem <h>)? Passt die Wortwahl zur jeweiligen Situation (z.B. tú oder usted)?
Die hier skizzierte Fehlerlinguistik lädt dazu ein, die Perspektive auf sprachliche Fehler grundlegend zu verändern: Weg von der Vorstellung, sie seien bloße Abweichungen von einer als absolut gesetzten Norm – hin zu einem Verständnis, das Fehler als wertvolle Hinweise auf Lernprozesse und sprachliche Kompetenz begreift. Rolf Kreyer hat diesen Perspektivwechsel in seinem Toolkit überzeugend herausgearbeitet – und wir teilen diese Sichtweise ausdrücklich. Für den Erwerb des Spanischen gilt genauso wie für den Englischunterricht, dass
„errors can be very helpful in telling you what your students do not yet know, and, and this may come as a bit of a surprise, often they can tell you what your students do already know“
(Kreyer 2023, 18)
Was im Unterricht allzu schnell als immer noch falsch abgestempelt wird, kann aus linguistischer Sicht ein produktives Zwischenergebnis sein – ein Indiz dafür, was die Lernenden schon beherrschen, d.h. wie die Lernendensprache gerade aussieht. Auch in unserem Kapitel verstehen wir Fehler nicht als Störungen, sondern als analytisch aufschlussreiche Phänomene, die Einblicke in den individuellen Stand sprachlicher Kompetenz ermöglichen.
Im Folgenden klären wir zunächst, was im Kontext des Spracherwerbs überhaupt als Fehler gilt und welche Rolle die Unterscheidung zwischen Korrektheit und Angemessenheit spielt. Danach fragen wir, woher typische Fehler kommen und warum nicht jede Abweichung tatsächlich ein Fehler ist – bevor wir abschließend den konkreten Umgang mit Fehlern im Unterricht in den Blick nehmen.
Lernendensprache
Die Lernendensprache (auch: Interimsprache oder engl. Interlanguage) bezeichnet das individuelle, sich entwickelnde Sprachsystem von Lernenden. Es basiert auf dem Zusammenspiel von Elementen der Erst- und Zielsprache und folgt eigenen, teils systematischen Regeln. Fehler sind in diesem System nicht bloß Störungen, sondern Hinweise auf den jeweiligen Stand des Sprachlernprozesses. Ziel des Unterrichts ist es, diese Lernendensprache schrittweise an die Zielsprache heranzuführen.
Eine ausführlichere Darstellung dieses Konzepts und seiner didaktischen Relevanz findet sich bei Kreyer (2023, 30–32), weitere Literatur zum Thema findest Du unten.
Was ist ein Fehler?¶
In der Fehlerlinguistik gilt als Fehler jede systematische, unbeabsichtigte Abweichung von den Regeln und Gebrauchskonventionen der Zielsprache. Als Vergleichsbasis dienen immer Erstsprachler:innen: Würde jemand mit Spanisch als Erstsprache sich so in einer vergleichbaren Situation ausdrücken? Wenn die Antwort „nein“ oder „wahrscheinlich nicht“ ist, dann handelt es sich um einen Fehler. Gemeint ist dabei nicht nur der Grammatikfehler im engeren Sinne – Fehler können ebenso die Aussprache, die Wortwahl oder die situative Angemessenheit betreffen. Denn sprachliche Kompetenz heißt auch: Kontext, Register und Gesprächspartner im Blick haben.
Im Gegensatz zu einmaligen Versprechern oder Tippfehlern (sog. mistakes) spiegeln Fehler den jeweiligen Entwicklungsstand der Lernendensprache wider und sind deshalb diagnostisch wertvoll: Sie zeigen nicht nur, was Lernende noch nicht beherrschen, sondern oft auch, worauf ihre aktuelle Kompetenz bereits aufbaut. Im oben erwähnten Beispiel – teno statt tengo – erkennt man, dass die Flexionsendung der 1. Person Singular beherrscht wird, auch wenn noch nicht alle unregelmäßigen Formen ausreichend verinnerlicht sind.
Damit fungieren Fehler im Unterricht nicht als reine „Defizitmarker“, sondern als Wegweiser für gezielte Förderung und für den nächsten Entwicklungsschritt der Lernendensprache.
Davon abzugrenzen sind sogenannte Flüchtigkeitsfehler – spontane, meist situationsbedingte Ausrutscher wie Versprecher oder einfache Formfehler, die auch kompetenten Sprecher:innen der Erstsprache regelmäßig unterlaufen. In diesen Fällen ist die zugrunde liegende Regel bekannt; der Fehler ist also nicht Ausdruck fehlender Kompetenz, sondern typischerweise durch Unachtsamkeit oder Sprechtempo bedingt. Solche Fehler werden in der Fehlerlinguistik nicht als „eigentliche Fehler“ gewertet und benötigen im Unterricht in der Regel weniger Aufmerksamkeit – es sei denn, sie häufen sich und deuten auf mangelnde Routinisierung hin.
Im Folgenden stehen deshalb systematische Fehler im Zentrum – aber wir werden auch sehen, dass nicht jede Abweichung von dem, was im Lehrwerk steht, tatsächlich ein Fehler ist.
Richtig und falsch, aber auch angemessen?¶
Nicht jeder Fehler ist gleich. Manche Äußerungen sind schlicht falsch – egal in welcher Situation. Andere sind grammatisch einwandfrei, wirken aber im jeweiligen Kontext deplatziert. Die Fehlerlinguistik unterscheidet deshalb zwischen zwei Bewertungskriterien: Korrektheit und Angemessenheit.
Korrektheit: richtig oder falsch?¶
Die Aussage „El año pasado tení muchos problemas“ ist situationsunabhängig grammatikalisch falsch, da der Indefinido des Verbs tener nicht regelmäßig gebildet wird. Richtig wäre: „El año pasado tuve muchos problemas.“ Es handelt sich also eindeutig um einen Fehler auf der Ebene der einzelsprachlichen Kompetenz, wo nach dem Kriterium der Korrektheit zwischen richtig und falsch unterschieden wird.
Solche klaren Fälle betreffen nicht nur die Grammatik. Auch auf der Ebene der Aussprache lässt sich eindeutig zwischen richtig und falsch unterscheiden – etwa wenn Lernende das im Spanischen immer stumme <h> aussprechen und hay mit hörbarem [h] realisieren (vgl. Kapitel Aussprache). Oder wenn sie vivir mit einem [v] statt einem [b] aussprechen, weil sie die Schrift-Laut-Zuordnung aus dem Deutschen übertragen (vgl. Kapitel Orthographie). In all diesen Fällen ist die Bewertung eindeutig: Die Form weicht von den Regeln des Spanischen ab, unabhängig von Situation oder Region. Allerdings gibt es auch Fälle, in denen eine Aussprache zwar vom Schulbuch abweicht, aber keineswegs falsch ist – etwa wenn eine Schülerin casa konsequent als [ˈkasa] statt [ˈkaθa] ausspricht, weil sie die Aussprache aus lateinamerikanischen Serien übernommen hat. Solche Varietätenunterschiede sind keine Fehler, auch wenn sie im Unterricht auffallen können – wir kommen darauf zurück.
Angemessenheit: passend oder unpassend?¶
Anders ist es in Sätzen wie „Salutaciones cordiales a tu señora madre“. Sie sind zwar grammatikalisch korrekt, wirken aber altmodisch und übertrieben höflich. Üblicher wäre: „Saludos a tu mamá“ – deutlich informeller und natürlicher, ohne dabei unhöflich zu sein. Der Fehler liegt hier nicht in der Grammatik, sondern auf der Ebene der situativen Angemessenheit, einem Bereich, der in der Linguistik im Rahmen der Pragmatik behandelt wird.
Ein weiteres Beispiel: In Spanien kann man zu Freunden durchaus „¡No jodas!“ sagen, was so viel bedeutet wie ‘Im Ernst?!’ oder ‘Erzähl (doch) keinen Scheiß!’. Dieselbe Äußerung wäre gegenüber einer Lehrperson aber völlig unangebracht. Auch hier hängt die Bewertung davon ab, mit wem gesprochen wird. Solche Fehler werden nicht nach dem Kriterium richtig vs. falsch, sondern nach dem Kriterium der Angemessenheit beurteilt.
Ein besonders aufschlussreicher Fall sind semantisch-pragmatische Unterscheidungen, wie sie im Spanischen zwischen ser und estar bestehen: estar orgulloso bedeutet ‚stolz auf jemanden sein', während ser orgulloso eine (meist negative) Charaktereigenschaft beschreibt. Ob ein Ausdruck als fehlerhaft gilt, hängt hier entscheidend von der kommunikativen Absicht ab. Das zeigt auch der Satz „Mi amigo es aburrido. No hace nada.“ Ist tatsächlich gemeint, dass die Person langweilig ist, wäre die Formulierung korrekt gewählt; soll jedoch ausgedrückt werden, dass sie sich langweilt, müsste es está aburrido heißen. Fehler werden in solchen Fällen erst im Abgleich mit dem sichtbar, was gemeint war – nicht nur mit dem, was gesagt wurde.
Gerade diese Beispiele verdeutlichen, dass Lehrkräfte Lernende dafür sensibilisieren sollten, ihre sprachlichen Mittel bewusst im Hinblick auf die jeweilige kommunikative Absicht zu wählen. Doch woher kommen die Fehler eigentlich – und warum machen Lernende mit unterschiedlichen Erstsprachen oft ganz unterschiedliche Fehler?
Woher kommen Fehler?¶
Fehler im Spracherwerb entstehen nicht zufällig. In den meisten Fällen lassen sich klare Ursachen benennen – und genau das macht sie für Lehrkräfte so wertvoll: Wer versteht, warum ein Fehler auftritt, kann gezielter darauf reagieren. Drei Hauptursachen treten im Spanischunterricht besonders häufig auf.
Transfer aus der Erstsprache¶
Die häufigste Fehlerquelle ist der Transfer aus der Erstsprache (oder einer anderen bereits gelernten Sprache): Lernende übertragen Strukturen, Laute oder Regeln, die in ihrer Erstsprache gelten, auf das Spanische – oft unbewusst und durchaus systematisch.
Ein besonders anschaulicher Fall betrifft die Aussprache des Graphems <eu>. Deutsche Lernende neigen dazu, die Buchstabenfolge <eu> in Europa wie im Deutschen als [ɔɪ] zu realisieren: [ɔɪ.ˈɾo.pa]. Im Spanischen wird <eu> jedoch als Diphthong [ew] ausgesprochen: [ew.ˈɾo.pa]. Der Fehler entsteht, weil Lernende die Graphem-Laut-Zuordnung ihrer Erstsprache auf das Spanische übertragen (vgl. Kapitel Orthographie).
Europa – deutscher Transfer vs. spanische Zielaussprache
Das Wort Europa zeigt exemplarisch, wie die Aussprachegewohnheiten der Erstsprache in das Spanische hineinwirken. Vergleiche die deutsche Lernendenaussprache mit [ɔɪ] und die spanische Zielaussprache mit dem Diphthong [ew]:
Zielaussprache:
[ew.ˈɾo.pa]Lernendenaussprache:
*[ɔɪ.ˈɾo.pa]Audios aus Pronunciation Matters und MAR.ELE
Transfer betrifft allerdings nicht nur die Aussprache, sondern auch die Grammatik. Ein aufschlussreiches Beispiel ist der Gebrauch von Artikeln und Genus. Im Spanischen wird jedem Substantiv ein grammatisches Geschlecht zugewiesen – maskulin oder feminin –, und der Artikel richtet sich danach. Für Lernende mit deutscher Erstsprache ist das Prinzip vertraut, auch wenn sich die Genuszuweisung im Einzelfall unterscheidet und bei Substantiven, die auf Konsonant enden, schlicht gelernt werden muss. Ganz anders sieht es für Lernende aus, deren Erstsprache gar kein Genussystem kennt – etwa Türkisch, Persisch oder Chinesisch. Für sie ist nicht nur die jeweilige Zuordnung neu, sondern die gesamte Kategorie: Dass mesa feminin und libro maskulin sein soll, lässt sich aus der Erstsprache nicht ableiten, weil das Konzept grammatischer Geschlechtszuweisung dort nicht existiert. Die Folge sind Genusfehler, die breiter gestreut und hartnäckiger sind als bei Lernenden, die das Prinzip bereits aus ihrer Erstsprache kennen (vgl. Kapitel Herkunftssprachen).
Genusfehler richtig einordnen
Wenn Lernende systematisch falsche Artikel verwenden, lohnt ein Blick auf die Erstsprache. Handelt es sich um eine Sprache ohne Genussystem (z.B. Türkisch, Persisch, Chinesisch), muss die gesamte Kategorie neu aufgebaut werden – nicht nur einzelne Zuordnungen. In diesem Fall helfen visuelle Strategien wie Farbcodes für maskuline und feminine Substantive und der bewusste Vergleich mit dem Deutschen, wo das Prinzip bereits vertraut ist. Lernende aus Sprachen mit Genussystem (z.B. Arabisch, Polnisch, Italienisch) bringen dagegen ein grundsätzliches Verständnis mit und können es auf das Spanische übertragen, auch wenn sie sich an andere Markierungen gewöhnen müssen.
Transfer ist aber nicht nur Fehlerquelle – er kann auch ein Vorteil sein. Während deutschsprachige Lernende oft mit dem spanischen [r] kämpfen, weil das Deutsche einen uvularen Frikativ [ʁ] verwendet, bringen Schüler:innen mit Türkisch, Arabisch, Russisch, Polnisch oder Bosnisch/Kroatisch/Serbisch als Erstsprache einen klaren Startvorteil mit: In all diesen Sprachen wird das /r/ bereits an der Zungenspitze artikuliert – die Bewegung, die für das spanische [r] nötig ist, ist also bereits eingeübt (vgl. Kapitel Aussprache und Herkunftssprachen). Wer Erstsprachen im Unterricht als Ressource sichtbar macht, kann diesen positiven Transfer gezielt nutzen – und Lernenden zeigen, dass ihre Mehrsprachigkeit kein Hindernis, sondern ein Werkzeug ist.
Übergeneralisierung¶
Eine zweite häufige Fehlerquelle entsteht nicht aus der Erstsprache, sondern aus dem Spanischen selbst: Lernende wenden eine bereits gelernte Regel auf Fälle an, in denen sie nicht gilt. Das bereits im Einstieg genannte Beispiel teno statt tengo zeigt genau diesen Mechanismus – die regelmäßige Endung der 1. Person Singular (-o) wird korrekt angewendet, aber auf ein unregelmäßiges Verb übertragen. Solche Fehler sind diagnostisch besonders aufschlussreich, weil sie belegen, dass die Lernenden eine Regel bereits verinnerlicht haben, sie aber noch zu breit ansetzen.
Auch beim Genus lässt sich Übergeneralisierung gut beobachten. Die Faustregel, dass Substantive auf -o maskulin und Substantive auf -a feminin sind, führt bei Ausnahmen zu vorhersagbaren Fehlern: la problema statt el problema zeigt die Regel in Aktion – ebenso el mano statt la mano. Ein besonderer Fall ist el agua: Das Wort ist feminin, trägt aber den Artikel el, weil es sich historisch um eine feminine Artikelform handelt, die vor betontem a- erhalten geblieben ist (vgl. Kapitel Sprachwandel). Wer die Faustregel übergeneralisiert, hält agua für maskulin – ein Fehler, der auf korrektem Regelwissen beruht.
Ein Gegenbeispiel liefert die spanische Akzentsetzung: Fehler wie numero statt número entstehen in der Regel nicht durch Übergeneralisierung, sondern durch fehlendes Regelwissen. Wer die Betonungsregeln einmal verinnerlicht hat, macht kaum noch Fehler – die Akzentsetzung im Spanischen folgt einem klaren, lernbaren System (vgl. Kapitel Orthographie). Das Wort número / numero / numeró zeigt dabei eindrücklich, wie ein einziger Akzent Wortart und Bedeutung verändert.
Einfluss des Schriftbilds¶
Eine dritte Fehlerquelle ist das Schriftbild selbst. Lernende lesen spanische Wörter häufig so, als gälten die Graphem-Laut-Zuordnungen ihrer Erstsprache – oder einer anderen, zuvor gelernten Fremdsprache. Die beiden im vorigen Abschnitt bereits genannten Fälle lassen sich hier kausal einordnen: Wenn Lernende das stumme <h> in hay aussprechen, übertragen sie die Erwartung aus dem Deutschen, dass geschriebene Buchstaben einen Lautwert haben müssen (vgl. Kapitel Aussprache). Und wenn sie <v> in vivir als [v] realisieren statt als [b], liegt der Fehler nicht in der Grammatik, sondern in der Annahme, dass <b> und <v> – wie im Deutschen, Englischen oder Französischen – verschiedene Laute abbilden (vgl. Kapitel Orthographie).
Ähnliche Interferenzen können auch aus zuvor gelernten Fremdsprachen stammen: Wer Französisch gelernt hat, neigt möglicherweise dazu, spanisches <ch> wie französisches [ʃ] auszusprechen statt als [tʃ], oder nasaliert Vokale vor <n> am Silbenende. Und wer Italienisch als Brückensprache nutzt, überträgt unter Umständen die italienische Aussprache von <gn> (wie in gnocchi) auf spanische Wörter, obwohl das Spanische eigens ein Graphem, nämlich <ñ>, verwendet. Solche Fehler zeigen, dass Lernende nicht von einer einzigen Sprache aus operieren, sondern auf ein ganzes Repertoire zugreifen – und dabei manchmal die falsche Schublade öffnen.
Alle drei Fehlerursachen – Transfer, Übergeneralisierung und Schriftbildinterferenz – wirken im Lernprozess oft zusammen. Ein einzelner Fehler kann mehrere Quellen haben, und nicht immer ist auf den ersten Blick erkennbar, welche Ursache überwiegt. Genau deshalb ist die linguistische Analyse von Fehlern so wichtig: Sie macht sichtbar, was hinter einer Abweichung steckt – und erlaubt eine gezielte, ursachenangemessene Reaktion im Unterricht.
Nicht jede Abweichung ist ein Fehler¶
In den bisherigen Abschnitten ging es um Fehler im engeren Sinne – Formen, die von den Regeln des Spanischen abweichen, sei es phonetisch, grammatikalisch oder pragmatisch. Doch im Spanischunterricht begegnet man regelmäßig auch einem anderen Phänomen: Lernende verwenden Formen, die zwar vom Lehrwerk abweichen, aber in weiten Teilen der spanischsprachigen Welt völlig korrekt und gebräuchlich sind. In solchen Fällen handelt es sich nicht um Fehler, sondern um Varietätenunterschiede – und der Umgang damit erfordert eine andere Haltung als die Fehlerkorrektur.
Ein Beispiel, das viele Lehrkräfte kennen dürften: Ein Schüler, der viele mexikanische Serien schaut, verwendet im Unterricht konsequent ustedes anstelle von vosotros/-as und konjugiert entsprechend in der 3. Person Plural. Grammatikalisch ist das völlig korrekt, und in Hispanoamerika ist ustedes die einzige Form, um sich an mehrere Gesprächspartner:innen zu wenden. Liegt ein Fehler vor, wenn der Schüler diese Form verwendet, obwohl im Unterricht das Spanische Spaniens gelehrt wird? Aus linguistischer Perspektive nicht. Aber es wäre sinnvoll zu thematisieren, dass die Form die einzige Pluralanrede für die meisten spanischsprachigen Länder ist, während in Spanien (außer in südlichen Regionen und auf den Kanaren) die Form vosotros/-as neben ustedes existiert.
Auf der Ebene der Aussprache zeigt der seseo denselben Mechanismus. Im Abschnitt zur Korrektheit war bereits davon die Rede: Wenn eine Schülerin casa konsequent als [ˈkasa] statt [ˈkaθa] ausspricht, liegt kein Aussprachefehler vor – der seseo ist die Standardaussprache der großen Mehrheit aller Spanischsprechenden weltweit. Ähnliches gilt für das argentinische pollo, das als [ˈpoʃo] statt [ˈpoʝo] realisiert wird – eine regionale Variante, kein Fehler (vgl. das Kapitel Aussprachevariation zur Vertiefung dieser Fragen).
Auch in der Grammatik gibt es solche Fälle. Ein Schüler, der regelmäßig mexikanische Serien verfolgt, hört dort „Hoy comí con Luis“ statt „Hoy he comido con Luis“. Im Schulbuch steht, dass bei Bezug zur Gegenwart das Perfecto Compuesto (he comido) zu verwenden sei – aber diese Regel bildet nur den zentralspanischen Gebrauch ab. In Mexiko, Mittelamerika und vielen anderen Regionen ist das Perfecto Simple (comí) in genau diesem Kontext die übliche Form (vgl. Kapitel Grammatische Variation). Auch hier gilt: Die Form weicht vom Lehrwerk ab, nicht von den Regeln des Spanischen.
Der bereits im vorigen Abschnitt erwähnte Ausruf „¡No jodas!“ verdeutlicht, dass selbst pragmatische Bewertungen geographisch variieren können: Unter Freunden in Madrid gilt er als locker-umgangssprachlich, in Mexiko würde er möglicherweise ganz anders, nämlich negativ verstanden (vgl. das DEM, s.v. joder). Auch hier entscheidet nicht nur, mit wem gesprochen wird, sondern auch wo.
Varietätenunterschiede im Unterricht
Wenn Lernende Formen verwenden, die vom Lehrwerk abweichen, aber in anderen Varietäten des Spanischen korrekt sind, empfiehlt sich ein dreischrittiges Vorgehen: Erstens die Variante wertfrei einordnen – nicht korrigieren, sondern als regionale Form benennen. Zweitens den Unterschied knapp erläutern, z.B. „In Spanien sagt man vosotros, in Lateinamerika ustedes – beides ist richtig.“ Drittens den Blick für die Vielfalt öffnen, indem man solche Unterschiede als Normalfall einer plurizentrischen Sprache rahmt. Das Ziel ist nicht, alle Varietäten zu lehren, sondern Lernende dafür zu sensibilisieren, dass es nicht das eine richtige Spanisch gibt.
Wie mit solchen Varietätenunterschieden und mehreren gleichberechtigten Referenznormen umzugehen ist, vertiefen wir im Kapitel Variation & Plurizentrik – dort geht es um das Spanische als plurizentrische Sprache sowie die didaktischen Herausforderungen und Chancen, die sich daraus ergeben.
Umgang mit Fehlern – linguistisch & kompetent¶
Wenn wir Fehler als Spiegel des individuellen Lernstands begreifen und ihre Ursachen – Transfer, Übergeneralisierung, Schriftbildinterferenz – kennen, stellt sich die Frage, wie wir im Unterricht konkret damit umgehen. Wie bereits in der Fehlerdefinition erläutert, sind Flüchtigkeitsfehler didaktisch meist weniger relevant: Ein kurzes Echo im fragenden Ton („¿el año pasado… tení?“) genügt oft, damit sich die Lernenden selbst korrigieren.
Im Fokus stehen deshalb die systematischen Fehler, die aus dem aktuellen Regelsystem der Lernendensprache entstehen. Entscheidend ist, dass diese Fehler nicht bloß als falsche Formen betrachtet, sondern analysiert, verstanden und als Anlass für Weiterarbeit genutzt werden.
Kreyer beschreibt in seinem Toolkit die Notwendigkeit für einen klugen Umgang mit Fehlern und empfiehlt, sie als ‚nützliche Ressource‘ zu betrachten. Das erfordert Feingefühl und vor allem linguistische Kompetenz, die er nicht umsonst als die art of repairing bezeichnet:
„First of all, you have to notice that something is not the way it should be. Once you’ve done that you need to be able to analyse what is going on and you need to be able to identify the actual problem. It is only then that you can address this problem and repair the whole structure. This is true for any kind of craft just as much as it is true for language teaching.“
(Kreyer 2023, 28–29)
Daraus lässt sich ein dreistufiges Vorgehen ableiten: Zunächst sollte der Fehler wahrgenommen und markiert werden – nicht unbedingt durch Unterbrechung, sondern auch nonverbal oder durch Rückfragen. Dann folgt die Analyse: Welche Regel steckt hinter der Äußerung? Handelt es sich um eine Übertragung aus der Erstsprache oder um eine Übergeneralisierung innerhalb des Spanischen? Im dritten Schritt können die Lernenden idealerweise durch angeleitete Selbstkorrektur zum richtigen Ausdruck hingeführt werden – denn das unterstützt Verstehen und festigt die Struktur deutlich nachhaltiger als ein bloßes Vormachen.
Natürlich bleibt es eine Frage der Situation: Manchmal ist eine direkte Korrektur aus Zeitgründen notwendig oder sinnvoll, um den Gesprächsfluss nicht zu unterbrechen. Wenn das Gesagte klar verstanden wurde und der Fehler die Kommunikation nicht stört, kann eine Korrektur bewusst aufgeschoben werden – denn übermäßiges Eingreifen hemmt nachweislich die Sprechbereitschaft und wirkt demotivierend. Wie auf die verschiedenen Fehlertypen und auf Abweichungen, die keine Fehler sind, konkret reagiert werden kann, zeigen die folgenden Übersichten:
Systematische Fehler im Sinne der Fehlerlinguistik¶
| Typ | Empfohlene Reaktion | Beispiel-Signal auf Spanisch |
|---|---|---|
| Grammatikfehler | Prompt + metasprachlicher Hinweis; Selbstkorrektur anstoßen. | Piensa en la primera persona irregular… |
| Unidiomatischer Ausdruck | Reformulierung anregen. | No se dice así. ¿Cómo lo dirías? |
| Pragmatisch unangemessen (Ton, Höflichkeit) | Kontext klarmachen, Alternative erarbeiten. | En esta situación no se diría así. ¿Cómo decirlo de otro modo? |
| Zeitdruck / Gesprächsfluss sichern | Kurzes „Recast“ – richtige Form vorsprechen und weiterreden. | — yo tengo —, Gespräch läuft weiter |
Abweichungen, die keine Fehler sind¶
| Typ | Empfohlene Reaktion | Beispiel-Signal auf Spanisch |
|---|---|---|
| Flüchtigkeitsfehler (Versprecher, Tippfehler) | Kurzes Echo oder fragende Intonation – Lernende korrigieren sich selbst. | ¿yo teno? |
| Varietätenunterschiede (z.B. ustedes statt vosotros) | Variante wertfrei einordnen, regionale Unterschiede aufzeigen. | En España se suele decir „vosotros“, en México „ustedes“. |
Zusammenfassung
Fehler zu analysieren, heißt herauszufinden, welche Strukturen Lernende schon beherrschen – und wo noch Unsicherheiten bestehen. Die Fehlerlinguistik unterscheidet dabei zwischen Korrektheit und Angemessenheit, identifiziert typische Fehlerursachen wie Transfer aus der Erstsprache, Übergeneralisierung und Schriftbildinterferenz – und macht zugleich deutlich, dass nicht jede Abweichung vom Lehrwerk ein Fehler ist: Varietätenunterschiede gehören zur Normalität einer plurizentrischen Sprache. So lassen sich Unterricht und Übung genau dort ansetzen, wo der nächste Entwicklungsschritt ansteht, und Lernende erfahren, dass ihre sprachlichen Ressourcen – einschließlich ihrer Erstsprachen – kein Hindernis, sondern ein Ausgangspunkt sind. Voraussetzung dafür ist linguistische Kompetenz: Nur wer versteht, warum ein Fehler entsteht, kann sinnvoll damit umgehen. Die Fehlerlinguistik kehrt die Perspektive um – vom Fehler als Defizit zum Fehler als Chance – und begleitet uns in jedem der folgenden Kapitel.
Wer mehr wissen will ...
Die frühen Grundlagen der Fehlerlinguistik wurden von Corder (1967) und Selinker (1972) gelegt. Der Sammelband von Cherubim (1980) bietet dazu einen fundierten Überblick aus deutschsprachiger Sicht.
Zum didaktischen Umgang mit Fehlern im Unterricht sind die Arbeiten von Lyster & Ranta (1997) sowie Li (2010) zentral – sie zeigen, welche Formen von Korrektur (z. B. Recasts, Prompts) wann besonders wirksam sind. Für schriftliches Feedback ist Bitchener & Ferris (2012) einschlägig.
Speziell zur Didaktik des Spanischunterrichts und zur romanistischen Perspektive gibt das Handbuch Fachdidaktik Spanisch (Hg. Grünewald & Küster, 2. Aufl. 2017) einen umfassenden Überblick über aktuelle Entwicklungen, Herausforderungen und typische Fehlerquellen. Besonders hervorzuheben ist das Kapitel von Hinger (2017), das konkrete Strategien für einen lernförderlichen und differenzierten Umgang mit Fehlern im Spanischunterricht präsentiert – etwa bei häufigen Fehlertypen, bei pragmatischer Angemessenheit oder im Umgang mit Varietätenvielfalt. Schlaak (2020) ergänzt diese Perspektive durch eine empirische Untersuchung zur Fehlertoleranz von Lernenden im ersten Spanischlernjahr – und zeigt, wie das Korrekturverhalten der Lehrkraft die Lernhaltung prägt. Bechtel (2016) beschreibt darüber hinaus, wie Fehlerkompetenz in der Ausbildung angehender Spanischlehrkräfte gezielt aufgebaut werden kann.
Theoretisch tief verankert ist die Fehlerfrage bei Coseriu (2007), der zwischen systematischer Korrektheit und situativer Angemessenheit unterscheidet – eine bis heute zentrale Grundlage für das Nachdenken über Sprache und Norm.
Literatur¶
- Bechtel, Mark (2016): „Mündliche Fehlerkorrektur als Bestandteil eines fachdidaktischen Moduls in der Französisch-, Spanisch- und Italienischlehrerausbildung“. In: Brunetti, Simona / Klingebeil-Schieke, Josephine / Pedron, Chiara Maria / Piotrowski, Marie-Christin / Ruggieri, Antonella / Schreiber, Rebecca (Hg.): Versprachlichung von Welt. Festschrift zum 60. Geburtstag von Maria Lieber. Tübingen: Stauffenburg, S. 589–607.
- Bitchener, John / Ferris, Dana R. (2012): Written Corrective Feedback in Second Language Acquisition and Writing. London / New York: Routledge.
- Cherubim, Dieter (Hg.) (1980): Fehlerlinguistik. Beiträge zum Problem der sprachlichen Abweichung. Tübingen: Niemeyer.
- Corder, S. P. (1967): „The Significance of Learners’ Errors“. International Review of Applied Linguistics 5 (4), 161–170.
- Coseriu, Eugenio (2007): Sprachkompetenz. Grundzüge der Theorie des Sprechens. 2. Auflage. Tübingen: Narr.
- Felder, Ekkehard / Schwinn, Horst / Busse, Beatrix / Eichinger, Ludwig M. / Große, Sybille / Gvozdanović, Jadranka / Jacob, Katharina / Radtke, Edgar (Hg.) (2017): Handbuch europäische Sprachkritik online (HESO). Band 1: Sprachnormierung und Sprachkritik. Heidelberg: Heidelberg University Publishing.
- Grünewald, Andreas / Küster, Lutz (Hg.) (2017): Fachdidaktik Spanisch. Handbuch für Theorie und Praxis. 2., überarbeitete Auflage. Stuttgart: Klett.
- Hinger, Barbara (2017): „Umgang mit Fehlern im Spanischunterricht“. In: Grünewald, Andreas & Küster, Lutz (Hg.): Fachdidaktik Spanisch. Stuttgart: Klett, S. 243–262.
- Li, Shaofeng (2010): „The Effectiveness of Corrective Feedback in SLA: A Meta-Analysis“. Language Learning 60 (2), 309–365.
- Kreyer, Rolf (2023): The Linguistic Toolkit for Teachers of English: Discovering the Value of Linguistics for Foreign Language Teaching. Tübingen: Narr Francke Attempto.
- Lyster, Roy & Ranta, Leila (1997): „Corrective Feedback and Learner Uptake: Negotiation of Form in Communicative Classrooms“. Studies in Second Language Acquisition 19 (1), 37–66.
- Schlaak, Claudia (2020): „Fehlertoleranz bei und von Fremdsprachenlernern im ersten Lernjahr“. In: Ossenkop, Christiane & Veldre-Gerner, Gabriele (Hg.): Fehler – Abweichung – Variation. Frankfurt a. M.: Lang, S. 209–223.
- Selinker, Larry (1972): „Interlanguage“. International Review of Applied Linguistics 10 (3), 209–231.
- von Polenz, Peter (1991): „Sprachkritik – Untersuchungen zu ihrer Geschichte und Funktion“. Muttersprache 101, 81–94.
Dieses Kapitel zitieren
Gabriel, Gloria / Merte, Marlon / Tacke, Felix (2026): „Fehlerlinguistik“. In: Tacke, Felix (Hrsg.): Linguistik im Spanischunterricht. Ein digitales Lehrbuch für (angehende) Lehrkräfte. Marburg: Universität Marburg.
Online: linguistik.hispanistica.com
DOI: 10.5281/zenodo.15348687